ÜBERGRIFFE Gegenwärtig wird viel über sexuelle Übergriffe gesprochen. Frauen sind einmal mehr nur als Opfer Thema. Die Lösung liegt aber darin, sich für die Selbstverständlichkeit der Selbstbestimmung zu wehren.

(az) Die sexuellen Übergriffe von Köln haben ein altes Thema prominent auf die Tagesordnung zurückgebracht. Leider wird das mit der Flüchtlingsthematik verknüpft, anstatt dass die Problematik als eine solche zwischen den Geschlechtern angegangen würde. Muslime werden pauschal verurteilt und die europäischen Männer von jedem Verdacht freigesprochen. Diese vertreten ja offenbar «westliche, gleichberechtigte Werte», einige sind sogar so verlogen, das «christlich» zu nennen. Natürlich gibt es unter den Migranten junge Männer, die ein verabscheuungswürdiges Frauenbild mitbringen, das wussten wir schon vorher. Doch die schizophrene Haltung gegenüber Frauen als Sünderin «Eva» oder unbefleckte «Maria» ist ebenso tief im Christentum verankert. Es geht also bei dieser Diskussion keineswegs um den Kampf zwischen Islam und Christentum, sondern einzig um den Kampf um eine fortschrittliche Gesellschaft. Emanzipation ist einzig und alleine den geführten Kämpfen dagegen zu verdanken. Frauen kämpfen seit Jahrhunderten darum, als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft und nicht als sexuelles Objekt und/oder Gebärmaschine behandelt zu werden. Die Erfolge sind sichtbar, aber die Gesellschaft ist dennoch weit von einer wirklichen Gleichheit ent-2fernt.

Die geschlechteremazipierte Gesellschaft ist auch in unseren Breitengraden keine Selbstverständlichkeit. Dazu haben wir Frauen im eigenen Umfeld befragt. Wir sind also nicht zum Oktoberfest gefahren, wo sexuelle Übergriffe wohl ohnehin Programm sind, sondern wollten erfahren, was emanzipierte, kämpferische Frauen so erleben.

«Ich wollte zur Binz-Sauvage und stand davor, weil die Bullen uns nicht aufs Areal gelassen haben. Da hat mich einer dieser Partygänger übel angemacht. Der wollte mich doch tatsächlich weg haben, weil ich zu alt und zu fett sei! ‹Du mit deinen fetten Möpsen, was hast du hier verloren?› Ich bin sofort durchgedreht, aber seine Kumpels haben ihn verteidigt und mich zurückgedrängt. Er sei besoffen und beschränkt, ich solle das nicht ernst nehmen. Nun, offensichtlich bin ich wirklich langsam zu alt, vor 20 Jahren hätte ich die ganze Gruppe verprügelt. Dann später auf dem Areal hatte ich den Typen immer wieder am Arsch. Jetzt wollte er sich entschuldigen. Dabei sind gewisse Dinge einfach nicht zu entschuldigen. Schliesslich hat mich dann noch ein zweiter Typ ähnlich doof angemacht, aber das war noch gut, den haben wir gemeinsam rausgestellt. Das hat mir ein wenig Selbstbestimmung zurückgegeben. Aber ich ärgere mich immer noch, wenn ich an den Abend zurück denke.»

Anmache gehört zur Dienstleistung

Wenn Frauen in der Öffentlichkeit auftreten und nicht das geforderte Äussere präsentieren, haben sie immer Probleme. Aber auch, wenn sie es tun. Eine junge, hübsche und sexy gekleidete Frau, die im Service arbeitet, erzählt. «Es ist schon ätzend genug, dass ich mir dauernd dumme Sprüche anhören muss wie: ‹Wenn der Kaffee so süss ist wie du, dann bin ich ein glücklicher Mann›. Darüber soll ich mich dann wohl freuen. Aber solche Sprüche höre ich zig Mal am Tag, das ist kein Kompliment, sondern herabsetzend.

Der Gipfel war, als ich bei einem Mann an der Bar kassieren wollte und der mir an den Busen greift und die Note in meinen BH stecken will. Ich habe seine Hand weg geschlagen und ihn beschimpft, aber meine Mitarbeitenden haben mich sofort weggezerrt. Die haben nicht ihn rausgestellt, sondern mich! Und ich muss mir nachher anhören, der sei halt betrunken und ich solle mich beruhigen und weiterarbeiten. Was sind das für Arbeitsbedingungen, in denen ich mir das gefallen lassen muss? Ich arbeite ja in ‹fortschrittlichen› Betrieben, was für ein schlechter Witz. In Wirklichkeit ist auch da der Kunde König und ich nur die Servierdüse, die er begrabschen kann, solange er den Drink bezahlt.»

Sexuell aktiv, aber selbstbestimmt

Der Kampf um selbstbestimmte Sexualität hat sicherlich im positiven Sinne dazu geführt, dass junge Frauen heute weniger verklemmt sind als früher, sich herausnehmen, sexuell aktiv zu sein und möglicherweise sogar aufreizend auftreten. Vor allem im Ausgang ist die Situation für junge Frauen oft eine schwierige Gratwanderung zwischen gewünschter Attraktivität und unerwünschtem Übergriff.

Kaum treten sie in den Club, werden sie mit Blicken und Worten taxiert. Es ist unangenehm und einschüchternd, wenn sich eine ganze Gruppe Männer umdreht und darüber urteilt, ob frau nun attraktiv sei oder nicht. Die Kriterien, die dabei angewendet werden, sind oberflächliche Stereotype. Angemacht wird sie dann auch vorzugsweise über das Äusserliche. «He, du gefällst mir, du hast schöne Melonen». Jetzt erwartet wohl niemand viel Tiefgang beim Anquatschen, aber so direkt auf die sekundären Geschlechtsmerkmale reduziert zu werden, ist doch dreist. Die Zeichen werden dann aber vollständig falsch interpretiert, wenn die reine Anwesenheit im Club als Freipass verstanden wird. Wenn junge Männer immer häufiger das Gefühl haben, es sei cool und modern, Frauen an den Arsch zu greifen, dann ist das eine ungute Verdrehung des Fortschritts und reaktionär. Hände gehören logischerweise nur auf den Arsch, der sie willkommen heisst, sonst normalisiert sich ein Zustand, der mit Selbstbestimmung rein gar nichts gemeinsam hat.

Wenn junge Frauen aber das Richtige tun und sich wehren, wird es sofort problematisch. Dann müssen sie sich anhören, dass sie den anderen die gute Laune verderben, sind Zicken, Spielverderberinnen, kompliziert, nicht offen, ja sogar verklemmt. Und verklemmt passt gar nicht in die heutige Zeit, das darf nicht sein, schon gar nicht im Club. Eine Frau erzählt aus dem Zürcher Club Gonzo, dass ihre Bekannte plötzlich den errigierten Schwanz eines Unbekannten in der Hand gehalten habe. «Sie war ein bisschen durch den Wind, als sie davon erzählte. Alle anderen haben darüber gelacht, fanden das abgefahren. Sie hat am Ende auch mitgelacht. Ich habe als einzige gefunden: ‹Habt ihr einen Schaden? Das geht doch nicht, dem musst du die Nägel in den Schwanz rammen.› Aber eben, ich bin dann die Zicke und Spassbremse. Ist doch eine lustige Anekdote, die man rumerzählen und posten kann: ‹Schaut her, wie wild und geil wir es in Zürich haben...›» Wenn sich die junge Männer derartige Spässe angewöhnen und die jungen Frauen auch noch mitlachen, statt angewidert zurückzuschlagen, dann hat sich ein Umgang unter den Geschlechtern normalisiert, der Teil des reaktionären Backlashes ist. Frauen haben dann wie früher zwei Möglichkeiten: Nicht ausgehen, keusch zu Hause sitzen und der heiligen Maria nacheifern oder sich im Club der Rolle der sündigen Eva hingeben. Bestimmung darüber haben sie so aber nicht. Für eine fortschrittliche Veränderung gibt es nur eine Möglichkeit: Sich wehren und vom gesellschaftlichen Umfeld einzufordern, als Person mit eigenen Ansprüchen und Rechten behandelt zu werden. Auch wenn das bedeutet, von gewissen Deppen deswegen als Zicke bezeichnet zu werden. Frauen müssen wieder mehr Spielverderberinnen sein, wenn das Spiel Sexismus heisst und eben kein Spiel ist. Sexistische Sprüche usw. machen Frauen das alltägliche Leben unangenehm, sogar dort, wo sie ein solidarisches Umfeld erwarten – also auch unter GenossInnen und in der Freundschafts-Clique. Nicht Frauen sollten sich an sexistische Situationen gewöhnen. Vielmehr sollten sich Männer daran gewöhnen, dass ihnen sexistische Situationen unangenehm werden, weil Frauen diesen Normalzustand nicht hinnehmen.

Aufbau Zeitung

 84 Zeitung

Die offizielle Zeitung des revolutionären Aufbaus. Mehr Infos zur aktuellen und ein Archiv mit vergangenen Ausgaben gibt es hier. Zudem bieten wir verschiedene Texte, die nur online erschienen sind und eine kleine Auswahl von einzelnen Beiträgen aus der Printausgabe.