Diese Artikelserie zur Frage der kommunistischen Perspektive erschien in den Ausgaben Nr. 47, 48 und 49 der aufbau-Zeitung.

Erster Teil

Es geht im Folgenden um die Fragestellung, wie der Übergang in eine zukünftige kommunistische Gesellschaft vorstellbar gemacht werden kann. Bekanntlich führt es nicht weiter, wenn wir in unseren Köpfen Luftschlösser bauen, wie wir es dann bitte gerne haben würden. Vielmehr müssen wir mit einer genauen Analyse der Widersprüche derjenigen Gesellschaftsformation beginnen, aus der sich die zukünftige Gesellschaft in einem historischen Prozess voller Widersprüche nur wird herausbilden können. Das ist die bestehende kapitalistische Produktionsweise in ihrem heutigen imperialistischen Stadium. Das genaue Studium ihrer wichtigsten Widersprüche kann uns zunächst aufzeigen, wie sie progressiv aufgehoben werden können. Daraus lassen sich erste Schritte einer gesellschaftlichen Umwälzung ableiten. Spekulationen1 auf diesem Boden sind dann nicht mehr einfach willkürlich, sondern auf den Füssen stehende Widerspiegelungen1 der heutigen verkehrten Welt, einer Welt, die im wahrsten Sinn des Wortes Kopf steht.

Die Artikelserie hat folgende Gliederung:

Im ersten Teil (erschienen in aufbau Nr. 47) gehen wir von der Verschiedenartigkeit der intuitiven Zukunftsvorstellungen aus, wie sie am Anfang jedes authentischen Politisierungsprozesses mehr oder weniger bewusst bestehen. Wir stellen dann die oben beschriebenen methodischen Gesichtspunkte ausführlicher dar, die uns von den intuitiven zu den marxistisch fundierten Vorstellungen des zukünftigen historischen Prozesses führen.

Im zweiten Teil (aufbau  Nr. 48) vermitteln wir die von Marx und Engels begründeten  Hauptwidersprüche der kapitalistischen Produktionsweise und des allgemeinen Geschichtsprozesses, die der ökonomischen, politischen und kulturellen Krise zugrunde liegen und aus denen sich die objektive Reife für eine historische Umwälzung ablesen lässt.

Im dritten Teil (aufbau Nr. 49) verweisen wir auf konkrete Äusserungen von Marx und Lenin über Notwendigkeiten innerhalb eines gesellschaftlichen Umwälzungsprozesses und kommen schliesslich auf einige konkrete Vorstellungen einer Politik, wie sie aus den im zweiten Teil dargestellten Grundwidersprüchen abgeleitet werden können.

Einige Motive, um den Kampf für eine zu künftige Gesellschaft aufzunehmen

Wir alle haben gute Gründe, uns für eine gesellschaftliche Alternative zur herrschenden kapitalistischen Produktionsweise zu engagieren. Sie stehen in der Regel am Anfang jedes individuellen Politisierungsprozesses. Dabei mag es unterschiedlich sein, welche gesellschaftlichen Widersprüche uns anfänglich in Bewegung setzten. Beispiele ergeben sich aus folgender Aufzählung:

Die schreiende Ungerechtigkeit in der Verteilung der Güter und Dienste: Während die Wenigen immer reicher und reicher werden und nicht wissen, mit welchem Luxus sie ihr Geld zum Fenster hinaus werfen sollen, kämpfen die Vielen verzweifelt gegen die zunehmende Armut und müssen sich von Tag zu Tag durchquälen. Eine zukünftige Gesellschaft muss Verteilungsgerechtigkeit schaffen.

Weltweit betrachtet sticht das noch mehr ins Auge als in Westeuropa: Millionen sterben jährlich an Hunger oder Krankheiten, die mit etwas Geld behandelbar wären. Eine zukünftige Gesellschaft muss dieses skandalöse weltweite Gefälle abschaffen.

Diese Ungleichheit zwingt Millionen von Menschen zur Migration, was erneut erbärmliche Lebensverhältnisse und den Rassismus hervorbringt. Die neue Gesellschaft muss den Rassismus abschaffen.

Trotz des Frauenkampfes der letzten dreissig Jahre konnte nur für besser gestellte Frauen der Metropolen eine gewisse Befreiung erreicht werden, und die Errungenschaften werden unweigerlich wieder zurückgeschraubt. Die neue Gesellschaft muss in erster Linie das Patriarchat oder die patriarchalen Strukturen abschaffen.

Der Kapitalismus bewirkt Umweltzerstörungen: Ganze Urwälder werden abgeholzt, die biologische Vielfalt wird zerstört, natürliche Ressourcen verbraucht, der Treibhauseffekt produziert, radioaktive Abfälle angehäuft etc.  Die neue Gesellschaft muss Nachhaltigkeit schaffen.

Zwei Weltkriege des letzten Jahrhunderts, ständige kleinere Kriege und die jetzige zunehmende Kriegstendenz beweisen: Kapitalismus produziert unweigerlich Krieg. Die zukünftige Gesellschaft muss den Krieg abschaffen.
 
Der Kapitalismus predigt Demokratie, die sich darauf beschränkt, dass wir alle 4 Jahre zwischen dem Teufel und dem Beelzebub zu wählen haben, nämlich zwischen verschiedenen Exponenten der gleichen Bourgeoisie, ob sie sich nun sozialdemokratisch oder christlich nennt. Bei wichtigen Fragen, ob z.B. Tausende von ArbeiterInnen entlassen werden sollen oder nicht, haben wir überhaupt nichts zu sagen. Das Beispiel Chile und andere zeigen, wie ernst es ihnen mit wirklicher Demokratie ist: wird nur ein wenig an ihrer Herrschaft gekratzt, kommen Militärdiktatur und eventuell Faschismus. Die neue Gesellschaft muss eine echt demokratische sein.

Bei der Zunahme der Repression zeigt sich das wahre Gesicht der bürgerlichen Herrschaft: Zusammenschlagen, Einknasten, Foltern und notfalls erschiessen gehören zum System. Die neue Gesellschaft muss die Repression abschaffen.

Die Mehrheit besitzt nichts als ihre Arbeitskraft, die sie im Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt verkaufen und dann unter mehr oder weniger erbärmlichen Bedingungen vernutzen muss, mit geisttötenden Arbeiten, an denen man körperlich und geistig krank wird. Eine neue Gesellschaft muss den Warencharakter der Arbeitskraft abschaffen.

Seit mehr als dreissig Jahren steckt der Kapitalismus in einer allgemeinen Krise, die sich wirtschaftlich, politisch und kulturell ausdrückt. Die Alternative „Sozialismus oder Barbarei“ wird immer deutlicher mit Händen zu greifen. Eine zukünftige Gesellschaft müsste eigentlich keine Wirtschaftskrisen mehr kennen.

Wir könnten nun Utopien über eine Gesellschaft entwickeln, die alle diese Anforderungen erfüllen würde. Dabei würden wir uns wahrscheinlich in die Haare geraten, weil jede und jeder von uns die Prioritäten bei diesen Gründen anders gewichten würde. Das hängt auch damit zusammen, dass die verschiedenen Strömungen innerhalb der revolutionären Linken die Hauptwidersprüche dieser Gesellschaft unterschiedlich sehen. Schliesslich würden wir womöglich sogar resignieren, weil im Rahmen einer vertieften Diskussion auch immer klarer würde, wie schwierig unsere Utopien zu verwirklichen wären – und dies dann erst noch im Weltmassstab.

Nicht Luftschlösser, sondern Stationen eines Weges

Besser erinnern wir uns daran, dass der Marxismus in solchen Fragen immer ganz anders vorgegangen ist. Marx und Engels haben stets darauf verzichtet, genaue Angaben darüber zu machen, wie die zukünftige kommunistische Produktionsweise aussehen wird – vielleicht mit einer Ausnahme, auf die wir noch zurückkommen werden und an die auch Lenin in Staat und Revolution angeknüpft hat. In Engels’ kleinem Buch Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft können wir nachlesen, warum das so ist und nicht anders sein kann. Der Marxismus kann die zukünftige Geschichte nicht vorwegnehmen. Hingegen kann er uns die Instrumente in die Hand geben, um sowohl Gesetzmässigkeiten des bisherigen Verlaufs der Geschichte zu erkennen als auch die jetzige Produktionsweise, die kapitalistische, vertieft zu verstehen. Aus den Grundwidersprüchen des Kapitalismus und den Grundwidersprüchen der historischen Entwicklung allgemein kann er ableiten:

Wo und warum die jetzige Produktionsweise tendenziell an ihre historischen Grenzen stösst;
Was das für Grenzen sind, welche die historische Entwicklung irgendwann sprengen muss – sofern nicht, was als Möglichkeit schon im kommunistischen Manifest aufgeführt ist – Bourgeoisie und Proletariat gemeinsam untergehen;
In welcher Form die zukünftige Gesellschaft schon in der gegenwärtigen angelegt ist.

Daraus ergeben sich dann weniger die konkreten Ziele als die Stationen eines Weges auf mögliche Ziele hin.

Schliesslich lehrt uns die materialistische Dialektik auch, dass wir nie alle Aspekte eines Gegenstandes gleichzeitig beleuchten und erfassen können. Wir müssen uns auf bestimmte Gesichtspunkte beschränken, von denen aus wir den Gegenstand zuerst beleuchten. Je klarer uns ist, welche Gesichtspunkte wir einnehmen, desto besser können wir uns verständigen.


Zweiter Teil

Wir beleuchten nun genauer die von Marx und Engels entwickelten Widersprüche und ihre heutigen Auswirkungen.

Die zyklischen Krisen des aufsteigenden Kapitalismus

Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher (kollektiver) Produktion und privater (individueller) Aneignung ist die Grundlage der zyklischen Krisen des 19. Jahrhunderts.

Die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise hat erstens zur Arbeitsteilung in allen gesellschaftlichen Bereichen geführt. Zweitens entwickelten sich die Manufaktur und vor allem das Fabriksystem bis hin zu den internationalen Konzernen, wo Tausende von ArbeiterInnen und Angestellten in einen kollektiven Produktionsprozess eingebunden sind. Das ermöglichte eine historisch einmalige Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, machte also die Massenproduktion möglich. Wo immer zahlungsfähige Nachfrage entsteht, kann die Produktion fast schlagartig entsprechend dieser Nachfrage ausgedehnt werden, bis wieder Ware überproduziert ist. Andererseits ist die zahlungsfähige Nachfrage immer viel kleiner, als es den Bedürfnissen aller Menschen der Welt entsprechen würde. Kein Kapitalist rührt aber für die Nachfrage der zahlungsunfähigen Massen einen Finger. Es ist der Privatbesitz an Produktionsmitteln, welche die zahlungsfähige Nachfrage derart einengt.

Wie ist der Widerspruch aufzuheben? Soll wieder individuell produziert werden? Sollen wir vorschlagen, zur Subsistenzwirtschaft und Handarbeit zurückzukehren? Wenn man annimmt, dass das Rad der Geschichte nicht zurückgedreht werden kann, gibt es nur den anderen Ausweg: Der gesellschaftlichen Produktion muss gesellschaftliche Aneignung und Verteilung zur Seite gestellt werden. Die internationale Bourgeoisie, Besitzerin der multinationalen Konzerne, muss entschädigungslos enteignet werden.

Ein weiterer Widerspruch führt ebenfalls zu zyklischen Krisen: Der Widerspruch zwischen der Organisiertheit der Produktion im einzelnen Konzern und der Anarchie der Produktion in der ganzen Gesellschaft.

Ein aktuelles Beispiel: Euphorisch glaubten die bürgerlichen Auguren noch Anfang 2001, dass Computerisierung, Internet und Telekommunikation einen langen Wachstumsschub auslösen würden – bis sich ein Jahr später zeigte, dass 60 % des Internets überproduziert war! Der Kapitalismus ist also eine Produktionsweise, „wo der gesellschaftliche Verstand sich immer erst post festum geltend macht“2.

Dieser Widerspruch kann nur durch Organisiertheit der Produktion in der ganzen Gesellschaft aufgehoben werden. Es braucht die geplante Produktion zur Befriedigung der Bedürfnisse aller Menschen, natürlich mit möglichst wenig Arbeitsaufwand! Wenn Toyota es schafft, in ihrem einzelnen Konzern zu jeder Zeit an jedem Ort der Welt die richtige Anzahl Rohstoffe und Halbfabrikate verfügbar zu haben, um stetig produzieren zu können, warum sollte das nicht gesamtgesellschaftlich möglich werden?

Die Entstehung der privaten Hausarbeit

Die Entwicklung, die zur kapitalistischen Produktionsweise mit Privateigentum, Kleinfamilie und bürgerlichem Staat geführt hat, verwandelte die individuelle Kleinproduktion, in der Produktions- und Reproduktionsarbeit miteinander verflochten waren, in die heutige gesellschaftliche Produktion auf grosser Stufenleiter. Die individuellen ProduzentInnen wurden von ihren Produktionsmitteln enteignet. Die Produktionsarbeit findet, getrennt von den Familien, in den kapitalistischen Betrieben statt, während die für die Reproduktion der ArbeiterInnenklasse notwendige Familienarbeit den Charakter einer reinen Privatarbeit angenommen hat. Das bildet die Voraussetzung, dass die Kapitalisten die Ware Arbeitskraft ohne weiteres Zutun auf dem Arbeitsmarkt vorfinden. Mehr noch: Je mehr Reproduktionsarbeit sie den privaten Haushalten überwälzen können, desto billiger wird für sie die Arbeitskraft. So stellt sich der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher (kollektiver) Produktion und privater (individueller) Reproduktion heute dar. Diese absurden Verhältnisse liegen im Wesen der kapitalistischen Produktionsweise begründet, weshalb nur deren Überwindung daran etwas ändern kann.

Der Kapitalismus hat zwar die Frauen insofern befreit, als auch sie ihre Arbeitskraft verkaufen und damit eine gewisse ökonomische Unabhängigkeit erreichen können, auch wenn sie auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt bleiben. Als „Reproduktionsarbeiterinnen“ sind sie aber weiterhin in der privaten Familie gefangen. Nur die möglichst weit gehende Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit kann den Widerspruch zwischen der gesellschaftlichen Form der Produktionsarbeit und der privaten Form der Reproduktionsarbeit aufheben.

Die Krisen in der imperialistischen Phase.

Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, aber auch die Entwicklung des Massenkonsums unter Führung der Automobilindustrie, schafften dann Raum für das, was wir den „langen Aufschwung“ nennen, in welchem ein „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ in den Metropolenländern für ein Vierteljahrhundert möglich wurde. Dieser ging spätestens 1973 definitiv zu Ende. Seither verspüren wir die Auswirkungen einer Kapitalüberproduktionskrise3. In deren Rahmen finden nach wie vor kleine zyklische Schwankungen statt, weil ja der oben geschilderte Hauptwiderspruch des Kapitalismus weiter besteht.
 
Auch in der heutigen Krise werden zu viele Waren produziert, aber das ist nicht die Hauptsache. Die Konzerne haben riesige überschüssige Gelder, die sie nicht mehr gewinnbringend investieren können, weil schon zu viel investiert worden ist.  Das sind die Überkapazitäten, deren Abbau die chronische Haupttätigkeit der Chefetagen darstellt.

Nur wenn Kapital akkumuliert, also investiert werden kann, funktioniert der Kapitalismus, und er tendiert dazu, Mehrwert und Kapital in grossem Stil zu vernichten, um wieder Raum für Akkumulation zu schaffen. Das geschieht durch Krieg, Naturkatastrophen, technische Erneuerungen, die zum Veralten ganzer Produktionszweige führt, durch Luxuskonsum und dadurch, dass die Börsen zu Casinos gemacht werden, wo die einen nur das gewinnen, was die anderen verlieren – und im Crash alle wieder Geldkapital verlieren. Damit haben wir die absurd gewordenen Produktionsverhältnisse im Kapitalismus beschrieben: Zweck der Produktion ist nicht die Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen. Diese ist nur notwendige Begleiterscheinung der Produktion. Diesen Produktionsverhältnissen stehen der weiteren Produktivkraftentwicklung hemmend gegenüber.

Damit haben wir aber den Hauptwiderspruch beschrieben, der nach Marx und Engels die historische Entwicklung von einer Produktionsweise zur nächsten vorantreibt: Der Widerspruch zwischen der Produktivkraftentwicklung und den Produktionsverhältnissen.

Die Zeit ist reif

Die Zeit ist also objektiv reif, dass dieser Widerspruch aufgehoben wird. Soll die Produktivkraftentwicklung zurückgefahren werden, um diesen Widerspruch aufzuheben? Eine rhetorische Frage. Selbstverständlich kann es nur darum gehen, die Fesseln kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu sprengen.

Durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel und der damit produzierten Reichtümer werden die Grundlagen dafür geschaffen, dass für die Bedürfnisse der Menschen produziert werden kann statt für Mehrwertproduktion und Kapitalakkumulation. Marx formuliert das ein einer Stelle so:

„Denken wir die Gesellschaft nicht kapitalistisch, sondern kommunistisch,  so fällt zunächst das Geldkapital ganz fort (...). Die Sache reduziert sich einfach darauf, dass die Gesellschaft im voraus berechnen muss, wieviel Arbeit, Produktionsmittel und Lebensmittel sie auf welche Geschäftszweige verwenden kann.“4


Dritter Teil

Notwendigkeiten einer zukünftigen Gesellschaft und Schritte dahin

Am 7. März 1875 erschien ein Programmentwurf für den auf Mai geplanten Vereinigungsparteitag der beiden damals bestehenden Arbeiterparteien, dem Parteitag zu Gotha. Der Entwurf trug die Handschrift der Lassalleaner. Er enthielt u.a. die Forderung, der Ertrag der Arbeit gehöre unverkürzt allen Gesellschaftsmitgliedern, was Marx für einmal veranlasste, genauer auf die Produktion und Verteilung im Rahmen der zukünftigen Gesellschaft einzugehen.
 
Marx: Kritik des Gothaer Programms

Damit eine „genossenschaftliche, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründete Gesellschaft“ überlebensfähig ist, muss das „gesellschaftliche Gesamtprodukt“ mehr enthalten, als zum individuellen Konsum verteilt werden kann.
„Davon“ (eben vom gesellschaftlichen Gesamtprodukt) „ist abzuziehen:
Erstens: Deckung zum Ersatz der verbrauchten Produktionsmittel.
Zweitens: zusätzlicher Teil für Ausdehnung der Produktion.
Drittens: Reserve- oder Assekuranzfonds gegen Missfälle, Störungen durch Naturereignisse etc.
Diese Abzüge vom „unverkürzten Arbeitsertrag“ sind eine ökonomische Notwendigkeit, und ihre Grösse ist zu bestimmen nach vorhandenen Mitteln und Kräften, zum Teil durch Wahrscheinlichkeitsrechnung, aber sie sind in keiner Weise aus der Gerechtigkeit kalkulierbar.
Bleibt ein anderer Teil des Gesamtprodukts, bestimmt, als Konsumtionsmittel zu dienen.
Bevor es zur individuellen Teilung kommt, geht hiervon wieder ab:
Erstens: die allgemeinen, nicht direkt zur Produktion gehörigen Verwaltungskosten.
Zweitens: was zur gemeinschaftlichen Befriedigung von Bedürfnissen bestimmt ist, wie Schulen, Gesundheitsvorrichtungen etc.
Drittens: Fonds für Arbeitsunfähige etc. kurz, für, was heute zur sog. offiziellen Armenpflege gehört.“ (Dazu gehört natürlich auch die Versorgung der Alten und Kranken.)
Erst jetzt kommen wir zu der ‚Verteilung‘ (…), nämlich an den Teil der Konsumptionsmittel, der unter die individuellen Produzenten der Genossenschaft verteilt wird.
Der „unverkürzte Arbeitsertrag“ hat sich unter der Hand bereits in den „verkürzten“ verwandelt, obgleich, was dem Produzenten in seiner Eigenschaft als Privatindividuum entgeht, ihm direkt oder indirekt in seiner Eigenschaft als Gesellschaftsglied zugut kommt.“

Marx entwickelt in der Folge eine niedere und eine höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft. Die niedrigere geht aus der kapitalistischen hervor, ist „also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet (…) mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoss sie hervorkommt“. In der niederen herrscht noch ungleiches Recht, weil jeder von der Gesellschaft nur soviel erhält, wie er ihr, im Rahmen seiner Möglichkeiten, an Arbeit gegeben hat. Es gilt noch das Prinzip „Jeder nach seiner Leistung“, und erst in der höheren „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen“. Lenin wird daraus den Begriff der „sozialistischen Übergangsgesellschaft“ als Vorstufe zur kommunistischen Produktionsweise“ entwickeln6.

Ein Gedankenexperiment

Ein moderner Versuch, Massnahmen einer Übergangsgesellschaft zu konkretisieren, entnehmen wir dem Projekt eines Programm-Manifests der Neuen Kommunistischen Partei Italiens (n-PCI, die auch die Zeitschrift „Voce“ herausgibt.7). Es enthält eine konkrete Aufzählung von nach-revolutionären konkreten Massnahmen. Wir greifen einige wenige heraus und ordnen sie den aufgezählten Widersprüchen zu:

1.  zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung: Vergesellschaftung der Aneignung:

Entschädigungslose Aufhebung des Besitzes der grossen Kapitalisten in der Industrie, der Landwirtschaft, dem Handel, dem Transport, der Wissenschaft etc.
Abschaffung der Darlehen, der Hypotheken und der Schulden gegenüber Banken, Staat und imperialistischer Bourgeoisie. Abschaffung der Zinsen auf Schulden zwischen Mitgliedern der Volksmassen
Generelle Organisierung der Massen, um immer mehr Aspekte des lokalen Leben organisieren und ausführen zu können: Ökonomie, Kultur, Gesundheit, Erziehung, Justizverwaltung, öffentliche Ordnung, Landesverteidigung, Kampf gegen die Konterrevolution etc.

2.  zwischen der Organisiertheit der Produktion im einzelnen Konzern und der Anarchie der Produktion in der ganzen Gesellschaft: Organisiertheit der Produktion in der ganzen Gesellschaft:

Nationale Planung des Einsatzes der Ressourcen, der Pflege und Bildung natürlicher Ressourcen, der Produktion jeder Produktionseinheit, der Verteilung der Produkte und des Austausches mit dem Ausland.
Jede Person muss eine sozial nützliche Arbeit verrichten, ausser wer wegen Alters, Krankheit oder Invalidität als arbeitsunfähig anerkannt ist.
In jeder enteigneten Produktionseinheit Bildung einer Direktion, welche die Initiative der Arbeiter der Einheit mit der allgemeinen Direktion der Arbeiterklasse im Land kombiniert, das Einzelne mit dem Allgemeinen. Führung der Betriebe gemäss einem nationalen Plan und lokalen Plänen, welche Aufgaben und Ressourcen  zuweisen und die Bestimmung der Produkte definieren.
Rotation bei schädlichen, ermüdenden und mühsamen Arbeiten. Verwertung der Freiwilligenarbeit auf jedem Gebiet, wodurch in grossem Umfang das entwickelt wird, was die Massen schon in der bürgerlichen Gesellschaft zu tun begannen.

3.  zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Reproduktion: Vergesellschaftung von Hausarbeit und Kindererziehung:
Mutterschaft und Kinderpflege wird als sozial nützliche Arbeit betrachtet, nicht als Privatsache. Die Hausarbeit muss wie eine sozial nützliche Arbeit behandelt und so weit als möglich kollektiviert werden (Mensen, Wäschereien, häusliche Reparaturen etc.), womit die Isolation und Ausgrenzung der Frauen bekämpft wird.
Die Pflege, Erziehung und körperliche, moralische und intellektuelle Entwicklung der Kinder sind Aufgabe der Gesellschaft. (…) Brechen der materiellen und psychologischen Abhängigkeit der Kinder und Jugendlichen von der einzelnen Familie.
Personen, die aus verschiedenen Gründen keine sozial nützliche Arbeit leisten (Kinder, Studenten, Alte, Invalide etc.) wird ein Einkommen zugeteilt, welches die materielle Basis der Emanzipation der Frauen von den Männern, der Kindern und Jugendlichen von den Eltern etc. bildet.
Massenmobilisierung für den Kampf gegen die Ausbeutung und Gewalt an Frauen und Kindern, gegen die Versklavung und Unterwerfung der Frauen unter die Männer.

4.  zwischen der Produktivkraftentwicklung und den Produktionsverhältnissen: Umwälzung der Produktionsverhältnisse:

Unterstützung bei der Anwendung der fortschrittlichsten, sicherste, hygienischsten, am wenigsten umweltbelastenden und produktivsten Technologien.
Allmähliche und freiwillige Umwandlung der familiären und individuellen Wirtschaftsunternehmen und anderer noch wenig kollektiven in genossenschaftliche Unternehmen.    
Massenmobilisierung gegen Umweltzerstörung, den Verschleiss von Energie und der materiellen Ressourcen.
 
Dazu kommen zwei klassische Postulate der ArbeiterInnenbewegung:

Massnahmen, welche die Berufsausbildung und die Zusammenarbeit der Arbeiter in den Betrieben erleichtern mit dem Ziel, die Spaltung in Hand- und Kopfarbeit, in ausführende und leitende, organisatorische, Projekt- und Kontrollarbeit zu vermindern.
Massnahmen, welche die Kombination von Stadt und Land erleichtern.

Spekulation ja, aber marxistisch begründet

Die verschiedenen Aspekte der revolutionären Veränderung hin zum Sozialismus und Kommunismus lassen sich also zwanglos den konkreten Widersprüchen zuordnen, welche die marxistische Analyse der kapitalistischen Produktionsweise und das dialektisch-materielle Geschichtsverständnis erarbeitet hat.

 Fussnoten

1Der Begriff Spekulation enthält das lateinische Speculum, das Spiegel bedeutet.
2Das Kapital II, 317
3Die neue Art der Krisen entwickelte sich in Ansätzen bereits Ende des 19. Jahrhunderts, und mit dem Erreichen der imperialistischen Phase stellte sich vor dem ersten Weltkrieg die erste langdauernde Kapitalüberproduktionskrise ein, weshalb die heutige meist als zweite bezeichnet wird.
4 Das Kapital II, 316f
5 MEW 19, 15-32.
6 In Staat und Revolution, LW 25, Kapitel V, Ziff. 3 und 4, 478-489.
7 Edizioni Rapporti Sociali, Mailand, Oktober 1998

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Kommunistische Perspektive. Eine Artikelserie zur Frage der kommunistischen Perspektive erschien in den Ausgaben Nr. 47, 48 und 49 der aufbau-Zeitung.

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