Im Rahmen der internationalen Kampagne gegen den Angriffs-Krieg der Türkei, haben wir in der Nacht auf Montag, den 28.10., in einer koordinierten Aktion drei Niederlassungen der AXA Versicherungen (Hottingen und Höngg in Zürich sowie in Winterthur) mit Farbflaschen angegriffen.

Der französische Versicherungs-Gigant profitiert von Erdogan’s Kriegspolitik und steht - genauso wie etwa die in den letzten Wochen wiederholt attackierten Credit Suisse, Mercedes oder Rheinmetall - mit an der Wurzel für Europas stillschweigende Unterstützung des türkischen Genozids am kurdischen Volk.

Die AXA Versicherungen verzeichneten 2016 mit ihrer türkischen Abteilung 700 Mio Franken Prämieneinahmen (rund 30 Mio Nettogewinn) und gehören damit zu den drei grössten Playern im türkischen Versicherungsbusiness. Mit langfristigen und namhaften Investitionen in die türkischen Waffenschmieden Aselsan und Vestel, ist AXA zudem direkt an der türkischen Rüstungsindustrie beteiligt. Nicht zuletzt verbindet AXA eine Jahrzehnte alte strategische Partnerschaft mit OYAK, dem wenig bekannten aber umso einflussreicheren Rückgrat des türkischen Militärisch-Industriellen Komplexes.

OYAK, der Pensionskassen Fond der türkischen Offiziere wurde unmittelbar nach dem ersten Militärputsch 1961 installiert und ist seither ein mächtiges Werkzeug in den mächtigen Händen des türkischen Militärs. Der Fond besitzt gut 60 türkische Unternehmen und Beteiligungen an zahlreichen weiteren (gerade laufen Verhandlungen um die Übernahme des bankrotten englischen Stahlriesen British Steel) und gehört damit zu den drei schwersten Akteuren der türkischen Wirtschaft. Geschützt durch eine massgeschneiderte Gesetzgebung und geführt von Angehörigen der türksichen Armee nutzt der OYAK seine sprudelnden Profite um den Armeeanghörigen wirtschaftliche Priviliegien zu gewähren (in erster Linie Renten und Häuser), die massgeblich zur Sicherstellung ihrer Loyalität beitragen. Zudem stellt OYAK durch seine wirtschaftliche Macht ein zentraler Hebel der militärischen Einflussnahme auf die Gesellschaft dar. [1]

All das hier Geschriebene kümmert die verantwortlichen ManagerInnen bei AXA wohl herzlich wenig. Als einer der weltweit grössten Versicherungskonzerne macht man Geschäfte mit denen, die an der Macht sind und da ist es auch kein Widerspruch, dass man Häuser gegen deren Einsturz versichert und gleichzeitig in Firmen investiert, die die Raketen herstellt um diese Häuser zum Einsturz zu bringen. Kapitalismus halt. Im Falle der AXA und der Türkei fällt aber dennoch die Kontinuität des Engagements besonders auf. Mit der OYAK ging man bereits in den 90ern eine strategische Zusammenarbeit nicht nur im Versicherungs Geschäft sondern auch in der Bewirtschaftung des Aktien-Vermögens ein, welche 1999 in der Etablierung eines gemeinsamen Versicherung Joint-Ventures AXA OYAK gipfelte (2008 von AXA aufgekauft). Es verwundert deshalb keineswegs, dass, als Erdogan im Juli 2018 nach London kam, um im damals bereits angespannten politischen Türkei-EU Klima für weitere europäische Investitionen zu werben, VertreterInnen der AXA mit von der handverlesenen Partie waren.

Und was kümmert uns als revolutionäre InternationalistInnen das alles? Es sollte uns in zweifacher Hinsicht kümmern: Erstens sollte es uns einmal mehr zeigen, dass von Seiten der Herrschenden in Europa und den USA keinerlei Unterstützung im Kampf gegen Erdogan’s Diktatur und Krieg zu erwarten ist. Neben handfesten geopolitischen Gründen, die einem Fallenlassen der Türkei widersprechen, sind auch die dortigen Engagements von westlichem Kapital schlichtwegs zu bedeutend (und die LobbyistInnen der AXA, CS, Mercedes und Co zu einflussreich).
Zweitens und im Umkehrschluss zeigt uns diese exemplarische Geschichte der AXA, was unsere Funktion als europäische InternationalistInnen in der Verteidigung Rojavas ist: Wenn von oben keine Sanktionen kommen werden, dann müssen sie eben von unten kommen, Mittel und Möglichkeiten dafür gibt es viele:

Angreifen, denunzieren, mobilisieren und blockieren: Sabotieren wir den Krieg gegen Rojava indem wir den europäischen Strom von Waffen und Geld in die Türkei sabotieren!

Hoch die internationale Solidarität!
Biji Berxwedana Rojava!

P.S.

[1] Das Verhältnis der AKP zum Militär und dessen wesentlich auf den OYAK abgestützten Autonomie ist dabei kein unbelastetes: Das türkische Militär sieht sich seit jeher als Erbe Atatürks und Garantiemacht von dessen säkulärem Nationalismus. Ein wesentlicher Charakterzug von Erdogan’s islamisch-nationalistischer Diktatur, sowohl in seinem Aufstieg wie in seinem Niedergang, betrifft seine Einbindung und Unterwerfung dieser durch die Armee vertretenen kemalistischen Bourgeoisie. Die Unterwerfung fand ihren Ausdruck insbesondere in Säuberungswellen wie dem Ergenekon-Prozess (infolge dessen auch ein Grossteil der Leitung von OYAK ausgetauscht wurde), während die Einbindung bis vor einigen Jahren primär über die Beteiligung an den Extraprofiten des neoliberalen Wirtschafts-Umbaus statt fand. Seit diese Extraprofite durch die Verschärfung der kapitalistischen Krise ausbleiben, fehlt dem türkischen Palast eine wichtige Stütze und es rumort im inneren Gebälke der Diktatur. Doch wenn es etwas gibt was den kemalistischen und den islamisch-konservativen Flügel der türkischen Bourgeoisie neben ihrer Profitgier eint, dann ist es deren grosstürkischer Expansionsdrang und der Hass auf den kurdischen Teil der Bevölkerung. Neben anderen Faktoren wie dem historischen Erfolg des kurdischen Widerstandes und innerimperialistischer Zerwürfnisse, sollte dieser Faktor mit berücksichtigt werden, wenn wir den seit 2015 stetig intensivierten Vernichtungs-Krieg der Türkei gegen das kurdische Volk und seine Strukturen betrachten.

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