Pressecommuniqué zum Frauen*streik 2019

Erste Zwischenbilanz zum Frauen*streik 2019

Der heutige Frauen*streik ist der Höhepunkt eines seit Herbst letzten Jahres entwickelten neuen Frauen- und Klassenkampfs. Von deren Dimensionen und Eigendynamik sind viele politische und gewerkschaftliche Militante selbst überrascht. So ist gegen 17 Uhr schon abschätzbar, dass sich tagsüber zehntausende Frauen mobilisierten, dass viele Regionen (natürlich mit unterschiedlicher Stärke) betroffen sind und dass unzählige Betriebe insbesondere im Sorge-Bereich einen reduzierten Dienst angeboten haben. Die abendlichen Demonstrationen werden noch mehr Frauen auf die Strasse bringen. Besonders zu erwähnen sind hierbei die Selbstorganisierungsprozesse in verschiedenen Sektoren des öffentlichen Dienstes, welche in den Monaten vor dem Streik aufgebaut wurden (Im Raum Zürich in den Horten, Schulen, KiTas, Sozialbereich und Gastronomie). Der Revolutionäre Aufbau Schweiz beteiligte sich von Beginn an intensiv in Zürich, Winterthur und Basel auf verschiedenen Ebenen an der Mitorganisierung des Frauen*streiks (in den Organisationskomitees, in Revolutionären Frauenstreikkomitees, in der betrieblichen Organisierung, in der Männer- und Elternsolidaritätsarbeit und vor allem auf der Strasse). Er mobilisierte unter der Parole „Frauen*streik für die Revolution – Befreiung im Kapitalismus ist Illusion“ und war heute insbesondere mit einer Sonderzeitung präsent.

Dass die gemeinsam entwickelte Initiative verschiedenster politischer und gewerkschaftlicher Kräfte auf solche Resonanz bei Frauen (vor allem in Ausbildungsstätten und im Dienstleistungssektor der Sorge-Arbeit) in der Schweiz getroffen ist, zeigt deutlich: Die Gleichberechtigung ist bisher ein Papiertiger und die Forderungen und Manifeste der verschiedenen Frauenstreikkomitees sind es nicht. Sie mobilisierten nur schon heute Nachmittag bis zu hunderttausend Frauen. Am Abend wird diese Zahl wohl noch um Weites überschritten werden. Patriarchale Verhältnisse bestehen weiterhin und vielen Frauen ist klar, dass diese nur überwunden werden können, wenn die Frauen in die Offensive gehen.

Vor allem aber hat es die Kampagne zum Frauen*streik geschafft, in der Frauenbewegung linke Positionen auf die Agenda zu setzen und gleichzeitig den Klassenkampf punktuell aus der Defensive zu holen.

Neoliberale IdeologInnen haben es in den letzten Jahrzehnten geschafft, Teile des Feminismus in eine elitäre, antiproletarische Politik gegen die lohnabhängige Klasse einzuspannen. Mit dem Frauen*streik konnte die Frauenfrage aus dieser Allianz mit der neoliberalen Ideologie herausgeschlagen werden und wieder zu einer Frage der (unbezahlt und bezahlt) Arbeitenden gemacht werden. Wer echte Kritik an patriarchalen Verhältnissen übt, muss den Fokus auf proletarische Frauen legen, da sie am meisten von diesen Verhältnissen betroffen sind. Und befreite Geschlechterverhältnisse wird es nicht geben, wenn sie nicht einhergehen mit der Abschaffung der Klassen.

Gleichzeitig hat der Frauen*streik aufgezeigt, dass es auch in der streikarmen, arbeitsbefriedeten Schweiz möglich ist, eine Klassenbewegung aufzubauen. Gerade die Kritik nicht nur an Problemen einzelner Betriebe oder Lebensbereiche, sondern an der gesamten Lebens- und Arbeitssituation proletarischer Frauen (als prekär Angestellte, als Unbezahlte, als Abgewertete, als vom Sexismus und Gewalt Betroffene) hat dazu geführt, dass sich Frauen gegenseitig bestärkt, unterstützt und aufeinander bezogen haben. Sie haben sich damit nicht nur für irgendwelche isolierende Partikulärinteressen stark gemacht, sondern die Verhältnisse als Ganzes in Angriff genommen. So ist es kein Zufall, dass auch antikapitalistische Parolen die Bewegung prägen. Die Gesamtheit der patriarchalen Verhältnisse hat sich nicht gross verändert, weil der Kapitalismus auf unbezahlte, prekäre und abgewertete Arbeit angewiesen ist. Patriarchale Verhältnisse können nur gleichzeitig mit dem Kapitalismus auf den Müllhaufen der Geschichte spediert werden. Die vielfältigen Selbstorganisierungsprozesse, die ihre Stärke in einer offensiven Selbstverständlichkeit haben und den Blick auf das Ganze der Verhältnisse richtet, sind das Potential, auf welches sich auch eine gewerkschaftliche Bewegung in Zukunft stützen kann. Dazu wäre aber unter anderem nötig, dass der Streik in zukünftigen Arbeitskämpfen auch von den Gewerkschaftsführungen als legitimes und notwendiges Kampfmittel so propagiert wird, wie es der VPOD zu allem Erstaunen in dieser Kampagne getan hat.

In Anbetracht der Fülle von Aktionen und Bestreikungen in der ganzen Schweiz, wollen wir für die Regionen Zürich, Winterthur und Basel, einige Initiativen hervorheben, insbesondere die Bestreikungen sind jedoch erst später abzuschätzen. Nähere Informationen dazu jeweils in unserem Ticker:

- Im Vorfeld wurden in Zürich und Winterthur etliche Wände und sogar ein Zug mit Streikaufrufen bemalt

- Am 25. Mai wurde eine Veranstaltung des Sexisten Andreas Glarner als Auftakt zum Frauen*streik gestört.

- Am 11. Juni wurde die EMS-Chemie Männedorf wegen den Drohungen Martullo Blochers gegen streikende Frauen mit Farbe angegriffen.

- Um 0:00 wurde der Frauen*streik in Zürich mit einem Autokorso von ca. 100 Frauen eingeläutet.

- Um 7:00 wurde der Streiktag in Basel kämpferisch mit Strassen-Blockaden von ca. 200 Frauen eines zentralen Verkehrsknotenpunkts eröffnet.

- Am Vormittag hängten selbstorganisierte Spitalangestellte in mehreren Spitälern im Kanton Zürich koordiniert riesige Transparente von ihren Spitälern.

- Um 12:30 blockierten 2000 Frauen den Verkehrsknotenpunkt Central in Zürich und marschierten danach als Demo durch die Stadt.

- Ab 14 Uhr versammelten sich am Helvetiaplatz in Zürich über 10‘000 Frauen und an der Bäckeranlage ca 2000 am gewerkschaftlichen Besammlungsort.

- Über den Tag versammelten sich in verschiedenen kleineren Städten in der Schweiz jeweils zwischen 300 und 500 Frauen, in den mittelgrossen Städten 5‘000 bis 10‘000 Frauen und in grösseren Städten bis zu 20‘000 Frauen auf öffentlichen Plätzen.

- Am Care-Manifest, welches an verschiedenen Standorten verlesen wurde, nahmen 300 Frauen teil.

- Am Nachmittag wurde eine Kundgebung von ca. 300 Frauen in Solidarität mit Nekane und gegen ihre drohende Ausschaffung durchgeführt. Das Forum für kritische Soziale Arbeit vor der Stadtverwaltung am Werd-Haus in Zürich gegen die Auslagerung im öffentlichen Dienst. Der Migros Wengihof wurde blockiert, um den Verkäuferinnen eine Pause zu gönnen. Eine Blitzdemonstration gegen die CS am Stauffacher in Zürich wurde abgehalten, um gegen den laufenden Angriffskrieg der Türkei gegen die Revolution in Rojava und Qandil zu protestieren.

- Um 15:45 formierte sich eine Vor-Demo mit ca. 500 Frauen vom Helvetiaplatz und füllte die Halle des Zürcher Hauptbahnhofs. Hier wurde eine Protestaktion gegen die miesen Arbeitsbedingungen beim Caterer Candrian durchgeführt. Es wurde fliegende Transparente hinterlassen.

- Auf 16:45, bzw. 17:00 wird auf Demonstrationen in Zürich, Basel und Winterthur mobilisiert

Bis 17:00 Uhr konnten alle unbewilligten Aktionen, Demonstrationen und Kundgebungen selbstbestimmt durchgeführt werden. Für die Grossdemo in Zürich ist der ganze Raum zwischen Hauptbahnhof und Central von Frauenmassen besetzt und für die Demo in Winterthur haben sich schon 5000 Frauen besammelt. In Basel ist der Theaterplatz zu diesem Zeitpunkt voll gefüllt.

Abschliessende Bilanz zu den Abenddemonstrationen am Frauen*streik

Der Frauen*streik hat den feministischen Diskurs aus dem neoliberalen Korsett befreit und damit eine enorme Dynamik entfacht. Tagsüber streikten gegen 100‘000 Frauen in unterschiedlichster Weise. Und heute Abend gelang ein Mobilisierungsrekord. Mit über 200‘000 Frauen, die sich in der ganzen Schweiz die Strassen genommen haben, erleben wir heute eine der grössten Massenmobilisierung! Als kommunistische Organisation vertreten wir seit jeher, dass der Frauenkampf und der Klassenkampf zusammen geführt werden müssen. Heute sehen wir, welches Potential darin liegt, emanzipatorische Forderungen wieder mit Fragen der materiellen Arbeits- und Lebensbedingungen zu verknüpfen.

In Basel besammelten sich am Theaterplatz 40‘000 Frauen und nahmen sich als grösste Demonstration, welche Basel gesehen hat, die Strasse. Nach dieser offiziellen Demonstration wurde eine Nachdemonstration zum Frauen-Ausschaffungs-Gefängnis Waaghof durchgeführt mit 500 Frauen. Dabei wurde in Reden und Sprechchören die Ausschaffungs- und Auslieferungspraxis der Schweiz, Grenzen und insbesondere die Inhaftierung von Frauen* thematisiert. Vor dem Waaghof wurde auch eine Rede zur Situation von Nekane gehalten, die aktuelle wieder von der Auslieferung in den spanischen Staat bedroht ist.

In Winterthur beteiligten sich rund 6000 Frauen an der abendlichen Demo zum Frauen*streik. Die antikapitalistischen Kräfte waren im vordersten Teil der Demonstration laut und kämpferisch präsent. Am Bahnhofsplatz wich die Demo von der geplanten Route ab und blockierte im Anschluss die Technikumstrasse für rund eine halbe Stunde. Bei der anschliessenden Schlusskundgebung auf dem Neumarkt wurde ein symbolischer "sexistischer Drecksack" zerschlagen.

In Zürich haben sich in Anschluss an etliche genannte Aktionen am Nachmittag die Massen vom Helvetiaplatz hin zum Central bewegt. Hier wurde jeder bekannte Rahmen gesprengt, so variieren Einschätzungen zwischen anfänglich mindestens 70‘000 und schliesslich 160‘000 kämpferischen Frauen. Damit hat auch Zürich die grösste Demonstration in jüngerer Zeit erlebt. An der Spitze liefen revolutionäre Kräfte und antikapitalistische Parolen dominierten. Durch diese Dimensionen und Entschlossenheit konnte die Demonstration die von der Polizei vorgegebene Route selbstbestimmt verlassen und neu definieren. Am Paradeplatz wurde das Tramhaus von erklommen und ein Theater gegen den Ausverkauf der Gesundheit und ein Theater zur Doppelbelastung proletarischer Frauen aufgeführt. Weiter konnten Sprays mit Parolen an der Demoroute angebracht werden. Zürich ist mit diesem Mobilisierungserfolg heute in Frauenhand und der Frauen*streik wird noch bis in die späten Stunden die Plätze und Strassen besetzen.

Revolutionärer Aufbau Schweiz

(Stand, 14. Juni 2019, 23:00 Uhr)

Wandbild: Solidarität mit dem Frauen*streik am 14. Juni!

Wandbild FSolidarität mit dem Frauen*streik am 14. Juni! 

Es gibt 1000 Gründe für Frauen um am 14. zu Streiken und sich selbstorganisiert die Strasse zu nehmen. Patriarchale Strukturen drücken sich in zahlreichen Arbeitssektoren und Lebensbereichen aus: Noch sind Frauen von Lohnungleichheiten, Diskriminierungen und sexistische Verhalten am Arbeitsplatz täglich betroffen, noch wird der grösste Teil der Sorgearbeit im Dienstleistungssektor (die, wie es zum Beispiel in den Zürcher Spitäler der Fall ist, in immer mieseren Arbeitsbedingungen geleistet wird) sowie der Fürsorgearbeit im Haus von Frauen geleistet. Auch was das Private angeht fordern Statistiken ein klares Fazit: Jede achte Frau in der Schweiz ist im Laufe ihres Leben von sexualisierter Gewalt betroffen, alle 15 Tage stirbt jemand aufgrund häuslicher Gewalt (und man kann davon ausgehen, dass die allermeisten Betroffenen Frauen sind). Die Frauenunterdrückung ist ein zentraler Bestandteil des Kapitalismus, er braucht die unzähligen unbezahlten Stunden der Hausarbeit, um die Arbeitskraft möglichst billig zu reproduzieren. Deshalb bietet nur eine revolutionäre Bruchposition eine Perspektive für alle. Nur mit ihr werden die grundlegenden Widersprüche und Unterdrückungsformen des Systems sichtbar und damit auch prozesshaft passende Antworten gefunden, um diese Umstände zu überwinden. 

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Sonderzeitung zum Frauen*Streik

SonderZeitung 1Heute Streik – morgen Revolution!

Es gibt 1‘000 Gründe zu streiken. Wir Frauen werden an der Arbeit nicht nur ausgebeutet, wir werden auch immer wieder auf unseren Platz und unsere Rolle verwiesen. Als Frau, als Untergeordnete, als Sexobjekt, als fürsorgliche Mutter oder Freundin. Extreme Erfahrungen machen beispielsweise jene, die in der Gastronomie arbeiten. Da verdienen sie nicht nur sehr wenig, es gehört sozusagen zur Dienstleistung dazu, sexistische Sprüche der Kundschaft über sich ergehen lassen zu müssen. Streik heisst Verweigerung, das passt!

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Frauen streiken für die Revolution, denn Frauenbefreiung im Kapitalismus ist Illusion

Seit über 100 Jahren und weltweit kämpft die proletarische Frauenbewegung für die Zerschlagung patriarchaler Ausbeutung und Gewalt. Vieles konnte dadurch bereits errungen werden. Wir Frauen haben heute andere Möglichkeiten unser Leben zu gestalten und ein anderes Selbstbewusstsein als unsere Mütter und Grossmütter – zumindest in unseren Breitengraden. Gerade in der Bildung konnten viele Errungenschaften erkämpft werden. Auch in der Lebensgestaltung haben sich Türen geöffnet, wir sind bspw. nicht mehr gezwungen, die normierte Kleinfamilie zu gründen und hinter vier Wänden zu verschwinden oder wir haben die Möglichkeit, eine ungewollte Schwangerschaft zu unterbrechen, und vieles mehr.

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Wandzeitung: Heute Streik – morgen Revolution! Heraus zum 14. Juni 2019!

wandzeitung streik19 2Wir Frauen haben die Schnauze voll!

Und wir sind viele. Seit ein paar Jahren bewegen sich weltweit immer mehr Frauen gemeinsam, organisiert und radikal gegen alltäglichen Sexismus, Mehrfachbelastung, Armut, miese Löhne, Diskriminierung, Gewalt, Ausbeutung und Krieg. Auch in der Schweiz regt sich kämpferischer Widerstand. Die Vorbereitungen für den Frauenstreik am 14. Juni laufen auf Hochtouren in den Betrieben, in gewerkschaftlichen Basisgruppen und in revolutionären Frauen*streik-Kollektiven.

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Aufbau Vertrieb

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An- und Verkauf kommunistischer Literatur, Infos, Kontaktmöglichkeiten und vieles mehr. Infos, Adressen und Öffnungszeiten.

RJZ & Rote Hilfe

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Weitere aktuelle Infos gibts auf der Seite der Revolutionären Jugend Zürich & auf dem Blog der Roten Hilfe

Rote Radios

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Rote Welle und Radio Widerspruch. Die Radiosendungen des revolutionären Aufbau.

Aufbau Zeitung

 84 Zeitung

Die offizielle Zeitung des revolutionären Aufbaus. Mehr Infos zur aktuellen und ein Archiv mit vergangenen Ausgaben gibt es hier. Zudem bieten wir verschiedene Texte, die nur online erschienen sind und eine kleine Auswahl von einzelnen Beiträgen aus der Printausgabe.