Artikel aus aufbau 59 und im Rahmen eines Stadtrundgangs zu 100 Jahren Oktoberrevolution aufbereitet.

Im Jahr nach dem ersten Weltkrieg herrschten auch in Basel schwierige Verhältnisse. Über 21’000 Menschen waren notstandberechtigt, das ist mehr als ein Siebtel der Bevölkerung. Die Reallöhne sind seit Beginn des Weltkriegs um rund ein Drittel gesunken. Die Arbeitslosigkeit war nach dem Weltkrieg sowieso schon enorm hoch und wurde durch die Rückkehr der demobilisierten Soldaten nochmals vergrössert.

Die Arbeiterinnen und Arbeiter standen unter dem Eindruck der grossen Kämpfe der internationalen Linken. Dazu gehörte nicht nur die Oktoberrevolution in Russland, sondern auch die in Berlin ausgerufene und niedergeschlagene Räterepublik und starke revolutionäre Bewegungen zum Beispiel in Bayern und Ungarn.

Nach dem Landesstreik von 1918 waren die Basler Arbeiterinnen und Arbeiter unzufrieden. Drohungen von Seiten des Staats hatten die Streikleitung nach nur vier Tagen zum Aufgeben gebracht, und bis im Sommer 1919 waren keine der Forderungen erfüllt.

In dieser bewegten Zeit organisierten sich auch immer mehr Arbeiterinnen und Arbeiter, die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder verdoppelte sich zwischen 1917 und 1919, also in zwei Jahren, auf gut 18’000.

Aber zurück zum Basler Generalstreik. Entzündet hatte dieser sich an Arbeitskämpfen in der Färbereiindustrie. In dieser Branche waren die Löhne unterdurchschnittlich. Die tiefsten Löhne zahlte das Unternehmen Clavel und Lindenmeyer. Dagegen wehrten sich die Arbeiterinnen und Arbeiter am 22. Juli mit einer Protestaktion und einer Versammlung. Die Firmenbesitzer sperrten daraufhin alle Angestellten aus.

Zwei Tage später unterbreitete das baslerische Einigungsamt einen Vergleichsvorschlag, nach dem die ausgesperrten Arbeiterinnen und Arbeiter zur Arbeit zurückkehren, und für die Aussperrtage eine Entschädigung erhalten sollten. Es war darin aber auch festgehalten, dass Versammlungen während der Arbeitszeit unzulässig seien. Trotz dieser grossen Einschränkung wollten die Ausgesperrten diesen Vergleich annehmen. Die Fabrikbesitzer weigerten sich aber, da der Vergleich eine Legitimation der Protestaktionen dargestellt hätte. Auf dieses sture Verhalten reagierten der Basler Arbeiterbund und der schweizerische Textilarbeitnehmerverband noch am gleichen Tag mit Solidaritätsbekundungen.

Doch bei Worten sollte es nicht bleiben: In den nächsten Tagen wurden in der Arbeiterschaft Stimmen laut, die eine Ausweitung der Forderungen verlangten. Sie forderten einen allgemeinen Preisabbau und einen gesetzlichen Mindestlohn für alle. Nach einem weiteren staatlichen Kompromissvorschlag vom 28. Juli, der von beiden Seiten abgelehnt wurde, solidarisierten sich am 29. Juli die Arbeiterinnen und Arbeiter der anderen Färbereibetriebe. Rund 1’100 Menschen traten in den Streik. Noch am gleichen Tag wendete sich die neu ernannte Streikleitung per Flugblatt an die gesamte Arbeiterschaft und appellierte an deren Solidarität. Daraufhin beschlossen die Delegierten des Arbeiterbundes am Abend des 30. Juli, einen unbefristeten Generalstreik auszurufen.

Der Generalstreik wurde von den Arbeiterinnen und Arbeitern ab dem 31. Juli durchgesetzt: Betriebe, in denen noch gearbeitet wurde, wurden stillgelegt. Im Kleinbasel funktionierte das relativ problemlos, im Grossbasel reagierte die Polizei mit Gewalt.

Die Nachricht verbreitete sich, dass der Bundesrat auf Antrag der Basler Regierung das Militär aufbot. Die Arbeiterinnen und Arbeiter reagierten darauf mit Versammlungen. Die Polizei löste diese mit dem Säbel und Warnschüssen auf und trieben die Menschen durch die Stadt. Dabei kam es zu den ersten Verletzten, Militärlastwagen fuhren in die Stadt.

Am 1. August wurde dann die militärische Präsenz deutlich: Militärpatroullien und -lastwagen zogen durch die Stadt. Trotzdem gingen tausende Menschen auf die Strasse. Hier, in der Greiffengasse, begannen Streikende damit, einen einzelnen Militärlastwagen mit Pflastersteinen zu bewerfen. Nachdem dieser sich zunächst zurückzog, fuhren mehrere mit Soldaten besetzte Lastwagen auf, aus denen das Feuer eröffnet wurde. Ein Streikender wurde getötet, mehr als 20 weitere zum Teil schwer verletzt. Die Lastwagen fuhren um sich schiessend weiter durch die Rebgasse, wo eine Frau erschossen wurde, die ihren Sohn von der Strasse holen wollte.

Die versammelten Menschen wollten den Leichnam des Streikenden zur Kaserne bringen, wo er in der Turnhalle aufgebahrt werden sollte. Als sie vor dem verschlossenen Tor der Kaserne standen, lehnte der dienst habende Offizier ab, und verlangte von den Streikenden sich zurückzuziehen, sonst würden seine Soldaten schiessen. Im darauf folgenden Tumult riss sich einer der Streikenden sein Hemd vom Leib und rief “So schiesst doch!”, und die Soldaten schossen. Vor der Kaserne wurden weitere zwei Arbeiterinnen und ein Arbeiter getötet, und dutzende weitere Arbeiterinnen und Arbeiter verletzt.

Nach diesem so genannten “Schwarzen Freitag” verbot die Streikleitung weitere Versammlungen auf der Strasse. Das Militär besetzte am Samstag das Gebäude der Arbeiterpresse am Brunngässchen, wo der Vorwärts gedruckt wurde. Es kam zu Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Der Sonntag blieb ruhig.

Am Montag, dem 4. August, beschloss die Delegiertenversammlung des Arbeiterbundes eine Fortführung des Streiks. Viele hielten sich aber nicht daran und gingen am Dienstag wieder ihrer Arbeit nach – einzelne Trams fuhren wieder, Läden waren zum Teil wieder geöffnet.

Am Mittwoch fand im Bundeshaus eine Vermittlungskonferenz zwischen den Parteien statt, eine Einigung wurde dort nicht erzielt.

Am Donnerstag boten die Besitzer der Textilindustrie den Arbeiterinnen und Arbeitern eine zehnprozentige Lohnerhöhung an. Obwohl über das magere Angebot enttäuscht, nahm der Textilarbeitnehmerverband es unter dem Eindruck der Repression an. Daraufhin entschied sich der Basler Arbeiterbund für einen Abbruch des Streiks: ab Freitag, 8. August um 12 Uhr mittags.

Das Ergebnis dieser bewegten Tage ist ernüchternd: Der Generalstreik wurde aufgrund der massiven Repression nach acht Tagen abgebrochen. Ausser einem “Zückerchen” für die Textilarbeiterinnen- und Arbeiter wurde keine der Forderungen erfüllt. 500 Arbeiterinnen und Arbeiter wurden entlassen. Durch die Regierung der Stadt wurde eine “Schwarze Liste” geführt. Wer auf dieser Liste stand, hatte keine Chance mehr, Arbeit zu finden.

Politisch ist für die Niederlage des Streiks neben der starken Repression durch den Staat auch die Zurückhaltung der Sozialdemokratie verantwortlich zu machen. Wegen dieser Zurückhaltung war die Solidarität mit den Streikenden auf die “Linken Zentren” Basel und Zürich begrenzt, und konnte ausserhalb nicht Fuss fassen. Der Basler Generalstreik von 1919 ist damit als weiterer Grund für die Gründung der Kommunistischen Partei der Schweiz zu sehen.

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