Das Virus und seine SkeptikerInnen

 

Das Aufkommen des neuen Corona-Virus konfrontiert uns nicht nur schlagartig mit neuen Erscheinungen wie gesperrten Grenzen, geschlossenen Schulen, Polizeistunden und Notrecht. Auch die sogenannten Corona-SkeptikerInnen sorgen für Diskussionen. Der Versuch einer Analyse.

 

(agafz) Die Corona-Pandemie ist ein gefundenes Fressen für Verschwörungserzählungen. Allen diesen Erzählungen gemein ist, dass sie Zufall ausschliessen. Hinter allem stehen demnach StrippenzieherInnen, welche die Welt mit einem Masterplan lenken. So muss auch die gegenwärtige Pandemie das Werk von bösen Machenschaften sein. Ganz nach dem Motto «cui bono», zu deutsch «wer profitiert», wird eine Indizienkette von hinten aufgebaut und so Schuldige benannt. Die Liste von Verschwörungsmythen rund um Sars-CoV-2 scheint demnach inzwischen auch so lange zu sein wie die Mutationen dieses Virus selbst. Sie reichen vom Glauben, das Virus existiere gar nicht, über die Behauptung, es wurde von einem Labor in Wuhan bewusst in die Welt gesetzt bis hin zur Vorstellung, Bill Gates wolle die Menschheit mittels Zwangsimpfung einen Chip implantieren, um weltweite Kontrolle auszuüben. AnhängerInnen solcher Mythen beanspruchen zudem für sich, die einzigen zu sein, welche kritisch denken. Ihr «kritisches Denken» hat aber in Tat und Wahrheit nichts mit einer wissenschaftlichen Meinungsbildung zu tun, wo überprüfbare Hypothesen und Theorien aufgestellt, verifiziert oder verworfen werden. Sie verwenden diejenigen Zahlen, Statistiken und Argumente, die ihnen gerade am besten in den Kram passen. Andere, ihrem Weltbild widersprechende Fakten werden einfach ignoriert. Mit diesem Vorgehen werden Argumentationsmuster geschaffen, welche auf einer scheinbar faktenbasierten Objektivität beruhen.

 

Erwachte und schlafende Schafe

 

Die Bewegung der Corona-SkeptikerInnen in der Schweiz besteht gewiss nicht nur aus überzeugten VerschwörungstheoretikerInnen. Angesprochen von den Protesten fühlen sich vor allem Personengruppen, die tatsächlich auch materiell überdurchschnittlich von den Auswirkungen der derzeitigen Pandemie betroffen sind. Zum einen ist dies das Kleinbürgertum, welches schon generell, bedingt durch die Krise des Kapitalismus, unter Druck steht. Die KleinbürgerInnen sind nicht oder nicht vollständig darauf angewiesen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, gehören aber auch nicht zur Bourgeoisie. Der drohende Verlust von Errungenschaften wie Eigenheim oder des eigenen Geschäfts führt zu Existenzängsten. Auf der einen Seite steht das Monopolkapital, welches ihnen die Lebensgrundlage entzieht, und auf der anderen Seite die Gewerkschaften und linken Parteien, welche sich ebenfalls nicht in den Dienst der KleinbürgerInnen stellen. Eine gemeinsame und vereinende Identität, wie das Proletariat sie besitzt, hat das Kleinbürgertum nicht. Das einzig einende sind diffuse Sorgen und Abstiegsängste. Diese Frustrationen haben sich lange aufgestaut und finden nun ein passendes Ventil. Das neue Corona-Virus gibt dem Kleinbürgertum ruckartig einen gemeinsamen Nenner, den es vorher nicht hatte. Die Protestkultur – gegen Bern, gegen den Bundesrat, gegen das BAG, ja zum Teil gar gegen den Kapitalismus – ist identitätsstiftend und gibt den KleinbürgerInnen ihre individuelle und eigene Ausdruckweise. Die Überzeugung, angebliche Zusammenhänge in der Krise durchschaut zu haben, während der grosse Teil der Gesellschaft sich wie „schlafende Schafe“ verhält, generiert zudem ein Gefühl von Gemeinschaft mit Gleichgesinnten.

 

Diese angebliche Fundamentalopposition zum Staat und seinen Institutionen macht es aber auch für Teile des Proletariats attraktiv, sich den Corona-Protesten anzuschliessen. Wo mangels linken Angeboten und Erklärungsansätzen die Perspektive fehlt, scheint der Reiz gross zu sein, auf den Zug der Corona-SkeptikerInnen und deren angebliche Systemkritik aufspringen, um sich Gehör zu verschaffen.

 

Was den Organisierungsgrad anbelangt, ist die Bewegung sehr heterogen. Es gibt viele Einzelpersonen, welche jeweils an den Demonstrationen und Kundgebungen teilnehmen, sich darüber hinaus allerdings nicht weiter organisieren oder zur Thematik betätigen. Die am besten organisierte und strukturierte Gruppierung in den Corona-Protesten sind die ImpfgegnerInnen. Diese gab es auch schon vor der Pandemie und sie können nun auf bereits vorhandene Strukturen zurückgreifen.

 

Agitationsfeld für Rechtsextreme?

 

Ein grosser Unterschied der Anti-Corona-Bewegung in der Schweiz im Vergleich zu derjenigen in Deutschland ist die Beteiligung von organisierten Rechten und Neonazis. In Deutschland ist die organisierte Rechte stark in den Protesten gegen die Corona-Massnahmen verankert. Sie kann die dort stattfindenden Demonstrationen und Kundgebungen regelmässig öffentlichkeitswirksam für sich vereinnahmen. So drangen im Rahmen eines Protests im August in Berlin die Rechten bis zum Reichstag vor und besetzten diesen symbolisch – unter wehenden Reichsflaggen.

 

Auch bei den Mobilisierungen in der Schweiz ist eine gewisse Anschlussfähigkeit nach rechts zu erkennen. So waren vereinzelte Reichsflaggen und andere rechte Fahnen präsent. Der bekannte Neonazi Ignaz Bearth und andere eindeutig als Rechte identifizierbare Personen waren wiederholt anzutreffen. Die Affinität der Bewegung zum rechten Spektrum ist also bestimmt nicht abzustreiten. Doch den organisierten Rechten in der Schweiz gelang es bisher glücklicherweise nicht, die Bewegung der Corona-SkeptikerInnen in der Schweiz zu vereinnahmen.

 

Auch eine vermeintliche Bruchposition mit dem Staat, wie sie in Deutschland zumindest auf rhetorischer Ebene zu beobachten ist, ist unter den Schweizer Corona-SkeptikerInnen deutlich weniger ausgeprägt. Ein Erklärungsansatz hierfür könnte darin liegen, dass die Bevölkerung in der Schweiz mittels Initiativen, Referenden und Abstimmungen zumindest scheinbar stärker in die Realpolitik eingebunden wird. Die von Rechten in Europa immer wieder hochgepriesenen direktdemokratischen Mechanismen in der Schweiz also.

 

Marxismus - 200 Jahre Friedrich Engels

Wir nehmen dieses Jubiläum zum Anlass, die eigenständigen Verdienste von Engels in der Kritik des Kapitalismus, bei der Herausgabe des zweiten und dritten Bandes des «Kapital» und als Entwickler der Dialektik im Sinn einer «Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs» hervorzuheben und gegen die modisch gewordenen Vorwürfe, Marx verfälscht zu haben, zu verteidigen.

(gpw) Als Marx (1818-1883) und Engels (1820-1895) sich Ende August 1844 zum ersten Mal für 10 Tage trafen und ihre Zusammenarbeit begannen, hatte Engels bereits erste eigene antikapitalistische Positionen entwickelt und u.a. seine «Umrisse einer Kritik der Nationalökonomie» verfasst (http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_499.htm), auf der Marx später aufbaute. Unabhängig von Marx hatte er darin das Privateigentum als Ursache von Krisen und der «tiefen Degradation» des Menschen (S. 523) definiert und dessen Aufhebung gefordert (S. 521). Kurz darauf erschien seine 400 Seiten starke Untersuchung «Die Lage der arbeitende Klasse in England» (http://www.mlwerke.de/me/me02/me02_225.htm), eine umfassende historische und soziologische Untersuchung des Elends des industriellen Proletariats.

Spagat zwischen Klassenlage und Klassenposition

Das alles war keineswegs selbstverständlich, denn als Sohn eines erfolgreichen Textilfabrikanten und einer Philologin aus dem heutigen Wuppertal musste er das Gymnasium ein Jahr vor dem Abitur abbrechen und eine Laufbahn im väterlichen Betrieb beginnen. Nachdem er sich am radikaldemokratischen Elberfelder Aufstand von 1849 beteiligt hatte, kam es zum ersten Zerwürfnis mit dem Vater, der ihm später trotzdem eine Stelle bei der Zweigniederlassung Engels & Ermel in Manchester verschaffte, welche der Sohn nach dem Tod des Vaters bis 1869 leitete. Er hatte diesen ungeliebten Job übernommen, um einen Teil des Lebensunterhalts der Familie Marx im Londoner Exil bestreiten zu können. Ein ungeheurer Spagat zwischen Engels’ Klassenlage als Unternehmer und seiner schon früh eingenommenen Position an der Seite der kämpfenden ArbeiterInnenklasse!

Ein Keil zwischen Marx und Engels?

Es wäre nicht normal, wenn es zwischen Marx und Engels nicht Meinungsverschiedenheiten gegeben hätte. Sie betrafen jedoch nebensächliche Themen und waren auch durch die zwischen den beiden bestehende und gewollte Arbeitsteilung1 bedingt. Engels hatte die Aufgabe, die Konzepte der beiden zur materialistischen Dialektik, zur politischen Ökonomie und zur revolutionären Perspektive so verständlich als möglich darzustellen. Das setzte Anpassungen in der sprachlichen Form voraus, ohne dass die wesentlichen Inhalte verfälscht werden durften. Nur so konnten die Errungenschaften der beiden zur Waffe im Klassenkampf und im revolutionären Prozess werden, denn gemäss Marx’ elfter These über Feuerbach (http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_005.htm) kam es darauf an, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Das passt den Vertretern einer sogenannten Neuen Marx Lektüre – als bekanntester Autor gilt Michael Heinrich – offensichtlich nicht. Sie sehen Engels als Begründer eines «Traditionsmarxismus», der schliesslich zu den Fehlentwicklungen im Stalinismus geführt habe. Sie gefallen sich darin, einen Keil zwischen Marx und Engels zu treiben, was unseres Erachtens bürgerlichen Klasseninteressen dient. Dagegen hatten wir für unsere Lesehilfe der drei Bände des «Kapital» (https://lesehilfe.aufbau.org/) eine Illustration als Cover benützt, welche die Einheit zwischen den beiden hervorhebt.

Hat Engels «Das Kapital» verfälscht?

Seit der Publikation der Marxschen Originalmanuskripte zum dritten Buch des Kapital – im MEGA-Band II/4.2 – wird Engels vorgeworfen, er habe den Marxschen Text nicht wort- und werkgetreu herausgegeben, sondern durch zahlreiche Eingriffe entscheidend verändert. So weitgehend verändert, dass man von einer Verfälschung sprechen könne (Krätke http://www.praxisphilosophie.de/kraetke_meproblem.pdf S 157). Es werden also die Massstäbe für heutige kritische HerausgeberInnen an den damaligen eigenständigen Autor Friedrich Engels angelegt – was einer Herabsetzung dieses ersten Autors einer Kritik der bürgerlichen Ökonomie entspricht.

Engels’ Aufgabe war eine andere. Von Marx’ Vorarbeiten, die Engels schliesslich als Band II und III des Kapital herausgegeben hatte, bestanden erste unvollständige Entwürfe sowie Berge von Forschungsmanuskripten, die nicht die Form von Entwürfen hatten. Daraus sollte Engels, gemäss der von seiner Tochter überlieferten Absicht von Marx, «etwas machen». Er sollte es also in eine Form bringen, aus der klare und womöglich zusammenhängende Argumentationslinien nachvollziehbar würden. Auch hier ging es letztlich darum, Waffen im Klassenkampf und für den Aufbau einer zukünftigen Gesellschaft zu schmieden. In einer zehnjährigen, aufopfernden Arbeit hatte Engels das im Jahr vor seinem Tod geschafft, unter Zurückstellung eigener wissenschaftlicher Projekte und in der Erkenntnis, dass er vor allem mit dem dritten Band «ein Prachtwerk» vollendete, «das den ersten Band wissenschaftlich noch in den Schatten stellt» (MEW. Bd. 36. S. 328). Engels, der seiner eigenen, zu bescheidenen Einschätzung zufolge «die zweite Geige» spielte, beschränkte sich auf wenige Einschiebungen und Umarbeitungen, welche die Lektüre manchmal entscheidend erleichtern und keineswegs verfälschen. Das hätte niemand anderes gekonnt, und wir sind ihm zutiefst dankbar.

Dialektik auch in den Naturwissenschaften?

Unabhängig von Marx, aber noch zu seinen Lebzeiten in den Jahren 1873-1883, betrieb Engels Vorstudien zu einer Geschichte der Philosophie und Naturwissenschaften, die erst 1925 unter dem Titel Dialektik der Natur veröffentlicht wurden. Als Vorstudien enthalten sie durchaus Ungereimtheiten und Unfertiges und dürfen nicht dogmatisiert werden. Vielmehr ging es darum, in der materialistischen Dialektik das Verbindende zwischen den unterschiedlichen Methoden, mit denen Naturwissenschaft, Gesellschaftswissenschaft und die Wissenschaft von der geistigen Tätigkeit der Menschen arbeiten, auszumachen und daraus eine «Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs» zu konstituieren. Was für die Gesellschaftsanalyse selbstverständlich und für materialistische Strömungen der Psychologie evident ist, erschliesst sich weniger leicht für die Naturwissenschaften. In Schulungen über Dialektik werden zwar typische Beispiele für den Umschlag von Quantität in Qualität aus der Natur herangezogen – Wasser kann zu Eis oder zu Dampf werden und die Raupe zur Puppe und zum Schmetterling – aber das beweist nicht die Allgemeingültigkeit der Dialektik in der Natur.

Die Anwendung der Dialektik auf die Naturwissenschaften wird von vielen heutigen marxistischen Intellektuellen verworfen und Engels eine «brutale Bewusstlosigkeit» untergeschoben (Anton Fischer im Journal für Psychoanalyse 45/46, S. 202). Die Dialektik sei nur wirksam, wo Menschen denken und handeln. Dabei denken und handeln Menschen auch in den Naturwissenschaften, aber mit den damaligen Methoden konnte Engels sein Ziel noch nicht erreichen. Dass er das richtige «Glockenläuten», das damals nur undeutlich sein konnte, gehört habe, verdiene höchsten Bewunderung2. In der modernen Physik und ihrer Methodologie ist es längst zur Selbstverständlichkeit geworden, eine dialektische Interaktion zwischen Forschenden und Beforschtem festzustellen. Dabei bleibt zu bedenken: Wie auf allen anderen Gebieten können wir nicht die Natur per se erforschen, sondern nur soweit, als sie durch die in den Naturwissenschaften akkumulierten Arbeit erschliessbar ist – daraus kann schliesslich ein Gesamtzusammenhang konstruiert werden. Das war für Engels eine Selbstverständlichkeit, denn die Arbeit ist nach ihm «Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, dass wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen» (http://www.mlwerke.de/me/me20/me20_001.htm, S. 444).

Engels als Theoretiker revolutionärer Gewalt

Während seines einjährigen Militärdienstes bei der preussischen Artillerie sowie insbesondere als Adjutant von August von Willich, Oberkommandierender im pfälzisch-badischen Aufstand von 1849, sammelte er militärische Erfahrungen. Seine Analysen zum Pariser Aufstands in der Junirevolution 1948, zum Krimkrieg und andere militärische Schriften haben ein so hohes Niveau, dass sie fälschlicherweise bürgerlichen Generalen zugeschrieben wurden (T. Derbent, Clausewitz und der Volkskrieg, S. 111). Da er aus der Sicht des wissenschaftlichen Sozialismus an diese Fragen heranging, sind seine Theorien über die Gewalt im Anti-Dühring nach wie vor eine Grundlage der revolutionären Kriegführung.

Damit mag Engels direkt zum Schreckgespenst für Intellektuelle werde, die den Marxismus auf Philosophie reduzieren möchten. Tatsächlich mag uns in der heutigen Schweiz die Perspektive eines revolutionären Krieges abschreckend vorkommen. Aber man braucht z.B. nur mit der Solidarität mit Rojava ernst zu machen, um uns vor Augen zu führen, dass es ohne wissenschaftlich begründete Kriegführung letztlich nicht gehen wird.

1 Vgl. dazu «Debatte um Engels 1», Rowohlt 1973, S. 11-21.

2 «Debatte um Engels 1», S. 49

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