STADTENTWICKLUNG Im vergangenen Mai wurde in Zürich ein Haus im Seefeld von einem Frauen*kollektiv besetzt. Nach einer Räumungsandrohung riefen sie zur Solidarität auf und verhielten sich politisch offensiv. Wir trafen drei Frauen* des Kollektivs und haben uns ausgetauscht. Das folgende Interview ist aus dieser Diskussionsrunde entstanden und die Antworten sind sinngemäss zu verstehen, sie sind keine wörtlichen Zitate der anwesenden Frauen*.

(agj) Eure Besetzung macht eine klare Ansage: Es braucht ein Frauen*squat in Zürich. Könnt ihr zum Hintergrund dieser Forderung was sagen?

Wir Frauen* haben grösstenteils schon vorher zusammen besetzt, jedoch noch in einer geschlechtsgemischten Gruppe. Wir haben dann beim Besetzen der Häuser gemerkt, dass einige von uns ein diffuses Sicherheitsgefühl empfinden, wenn ein Mann dabei ist, uns aber unsicher fühlen, wenn keiner dabei ist. Ausserdem überliessen wir den Männern oft automatisch gewisse handwerkliche Arbeiten.

Davon wollten wir uns emanzipieren und haben deswegen begonnen, diese Muster zu hinterfragen. Wir setzten uns als Ziel, gewisse Automatismen zu durchbrechen. Daraus ist die Motivation entstanden, etwas Eigenes zu besetzen. Es war für uns wichtig, dass Frauen* die konkrete Aktion durchführen. Wir sehen das Besetzen in Zürich als recht männerdominiert und möchten dieses Bild verändern.

Im Gegensatz zu vielen anderen Besetzungen habt ihr von Anfang an offensiv kommuniziert. Daraufhin gab es eine starke Solidarität mit dem Projekt.

Ja, das stimmt. Uns war es wichtig, dass wir nicht mehr im Stillen besetzen. Wir wollten den Akt der Raumaneignung kollektivieren und öffentlich machen. Dadurch versprachen wir uns einerseits eine höhere Chance zum Erfolg und anderseits mehr Diskussion um den öffentlichen Raum. Wir sehen das Besetzen an sich als politische Aktion, haben aber auch gleichzeitig das persönliche Bedürfnis, leerstehenden Raum zum Wohnen zu nutzen. Dafür sehen wir eine Frauen*Besetzung zugleich als strategisch günstig, um beispielsweise die Nachbarschaft einzubinden.

Wir möchten ein politisches Zeichen setzen und Öffentlichkeit schaffen, um auch für andere Gruppen Ansporn zu sein. Wir würden uns freuen, wenn sich andere Frauen* ermutigt fühlen, es uns gleich zu tun. Die ganze Solidarität verschiedenster Personen, die uns beim Besetzen und Halten des Hauses entgegengekommen ist, hat uns unglaublich viel Kraft gegeben.

In den vergangenen Monaten zeichnete sich ein Wechsel im Umgang der Stadtpolizei Zürich mit Besetzungen ab. Die besetzenden Personen werden eher kontrolliert, ihre Personalien werden aufgenommen und es folgen öfters verschärfte Konsequenzen. Gleichzeitig werden Zwischennutzungen forciert. Euer Haus ist an einer Schnittstelle zwischen erkämpftem und erlaubtem Raum.

Die Besetzungs-, respektive Räumungspraxis in Zürich erleben wir zum Teil als verschärft, gleichzeitig ist es ein launischer Prozess, der in seiner Entwicklung nicht immer deutlich ist. Als neuere Praxis sehen wir klar die Taktik der Zwischennutzungen. Diese Taktik verurteilen wir auf politischer wie praktischer Ebene. Durch sie hat sich die Situation für Hausbesetzungen verkompliziert. Wir erleben die Taktik des Zwischennutzens als zweischneidig. Einerseits sehen wir, dass darüber Druck auf uns Besetzerinnen* ausgeübt wird. Deswegen kritisieren wir die Firmen, die solche Zwischennutzungen anbieten und daraus Profit schlagen, vehement. Anderseits hätten wir ohne das Eingehen auf den Gebrauchsleihvertrag mit dem Vermieter Interpool AG selber auf längere Zeit keinen Wohnraum gehabt. Wir sind davon ausgegangen, ansonsten bald geräumt zu werden. Deswegen sind wir in das Nebenhaus umgezogen, dass uns angeboten wurde.

Leider kennen wir kaum Beispiele, auch international, wo eine Räumung insofern erfolgreich verhindert worden wäre, als dass man danach den Raum hätte halten können. Dies war uns aber wichtig. Trotzdem: Ohne illegale Besetzung wäre es so gar nicht zu diesen Verhandlungen gekommen. Durch die Besetzung konnten wir die Verhandlungen bestimmen und zahlen im neuen Haus nur Nebenkosten. Wären wir anders vorgegangen, hätte die Gefahr bestanden, nichts mehr zu haben.

Wäre es wichtig, eine solche Widerstandspraxis wieder vermehrt zu diskutieren?

Wir können im Nachhinein nicht ganz klar beantworten, wie aktiv wir einen Häuserkampf geführt hätten, wenn wir das Vertragsangebot nicht bekommen hätten. Aber wir Frauen* hätten schon versucht, uns weiterhin kämpferisch zu geben. Wir finden Widerstand bei Räumungen von kulturellen Freiräumen sehr wichtig. In unserer Kritik stehen die Zwischennutzungsfirmen wie Intermezzo oder Interim AG, welche mit ihrer Taktik das Besetzen untergraben und daraus Profit schlagen. Dies wollen wir hier betonen.

Uns ist es ein Anliegen, das Thema der Zwischennutzungen in der politischen Widerstandsbewegung stärker zu diskutieren. Wir stellen uns und anderen die Frage nach dem Umgang mit dieser Taktik der Stadt. Wir wünschen uns, dass gegen solche Firmen mehr Widerstand aufgebaut wird und die Firmen boykottiert oder angegriffen werden.

Es ist uns vollkommen klar, dass wir das Nebenhaus angeboten bekommen haben, weil es weniger attraktiv ist. Dafür haben wir nun eine Kongresshalle, die genutzt werden kann. Es war aber irgendwie ein schräges und frustrierendes Gefühl, als dann Interpool kam und uns das Haus einfach so öffnete und die Räume zeigte. Der Hauswechsel hat uns bedrückt, vor allem solange die Räume noch unbelebt waren.

Das Haus ist nun seit mehr als drei Monaten besetzt. Viele Leute sind schon vorbeigekommen. Könnt ihr was über die Diskussionen erzählen, die dabei aufkommen? Wie kann man sich einbringen und das Haus unterstützen?

Ein wichtiger Punkt ist uns, das Privateigentum in Frage zu stellen. Die Diskussionen über diese Frage mit verschiedenen Akteuren (Besitzer_innen, Nachbar_innen usw.), macht für uns das Ganze sowieso politisch (egal ob das Haus nun öffentlich besetzt wird oder nicht). Dass das Haus nun politisch und kulturell so offen genutzt wird, hat sich im Prozess ergeben und war nicht im Vorhinein klar bestimmt. Dies hat sich erst dadurch ergeben, dass verschiedene Leute vorbeikamen und es eine entsprechende Motivation gab.

Unsere Priorität war also zuerst der Wohnraum, dann das Anliegen eines Frauen*squats, schliesslich eine öffentliche Besetzung. Die kulturelle Nutzung des Hauses sowie die Diskussion rund um die Zwischennutzungstaktiken der Stadt haben sich danach ergeben. Mit dem öffentlichen Aufruf zur Diskussion um die Nutzung der neuen Räume sind wir der kurzzeitigen Frustration durch den Hauswechsel erfolgreich entgegengetreten. Dass diesem Aufruf wiederum so viele Personen gefolgt sind, hat uns weiter gestärkt und motiviert. Wir laden Gruppierungen und Einzelpersonen weiter dazu ein, Ideen zu sammeln, wie die Räume genutzt werden können!

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