Rojava Anfangs November trafen wir den Kommandanten des Internationalen Freiheitsbataillons (IFB) und sprachen mit ihm über die historischen Ereignisse von Rakka und über ihre Strategie nach diesem Sieg.

(gpw) Zuerst möchten wir allen Kämpfer*innen des IFB unseren tiefsten Respekt und  revolutionäre Solidarität ausdrücken und alle Sehîd (gefallenen Kämpfer*innen) ehren. Wer bist du und wie sind die Befehlsfunktionen im IFB organisiert?

Mein Name ist Mahir Bakırcıyan. Ich bin Kämpfer von TPK/ML-TIKKO und Kommandant des Internationalen Freiheitsbataillons. Man ist für drei bis vier Monate Kommandant*in.  Danach treffen sich die vier das IFB bildenden Organisationen (BÖG, TKP/ML TIKKO, MLKP und IRPGF) und suchen die/den Bataillonskommantanten*in aus. Wir verwenden ein Rotationssystem, damit die/der Kommandant*in immer aus einer anderen Organisation kommt, als die/der  Vorgänger*in.

Die Rakka-Operation endete mit einem historischen Sieg. Von Minbedsch bis Rakka: Worin liegt die historische Bedeutung dieser Kämpfe, militärisch/strategisch,  operationell/taktisch und in Bezug auf den Aufbau der Revolution von Rojava?

Die Befreiung Rakkas war der Höhepunkt eines langen, mühseligen Kampfes gegen die faschistischen Bandit*innen von Daesh, der den kurdischen und arabischen Völkern und den internationalen Freiwilligen viele Opfer abverlangte.

Von der heroischen Verteidigung Kobanês aus gingen wir in die Offensive über, befreiten neue Gebiete und gewannen so den Boden, auf dem sich die Revolution von Rojava ausbreiten kann. Minbedsch war ein sehr wichtiges strategisches Ziel, weil es der Daesh als zweite Hauptstadt diente. Von dort leitete die Daesh den Transport von Truppen, Munition und Ressourcen aus der Türkei und durch die ganze Region in die Wege, beschützte die westliche und die südwestliche Front Rakkas und stellte ein grundlegendes Hindernis im Kampf für die Vereinigung der Kantone dar. Die Befreiung der Stadt war ein grosser Sieg für die QSD, der jedoch Vielen das Leben kostete. Leider mussten die geplanten Feldzüge auf Dscherablus und Bab aufgrund der kriminellen Intervention der Türkei zur Unterstützung ihrer Verbündeten von Daesh, danach warten.

Als Nächstes kam der Rakka-Feldzug, ein langer und schwieriger Vorstoss auf mehreren Fronten in den Süden. Er bestand aus offensiven und defensiven Operationen und das IFB war immer mittendrin. Anfang Juni begann der Angriff auf die Stadt selber. Wir brachten alles zum Einsatz, was wir von Kobanê und Minbedsch über den Städtekrieg gelernt hatten. Wir bauten unsere Taktiken aus und passten sie den sich ständig weiterentwickelnden Militärdoktrinen der QSD an. So gingen wir die offensiven Operationen im Vergleich zu früheren Feldzügen vorsichtiger an. Dazu gehörte der Einsatz kleinerer Einheiten, die innovative Verwendung von gepanzerten Fahrzeugen und mechanisierten Einheiten und der gründliche Beschuss der Operationsbereiche mit schwerem Geschütz, Artillerie und Luftschlägen. Wir konterten die alten und neuen Taktiken der faschistischen Feinde, z.B. deren Einsatz von Drohnen zur Aufklärung und Abwerfen von Bomben, die intensive Verwendung von Tunneln, um eine taktische oder operationelle Überraschung zu erreichen, und das Platzieren von Minen. Nach vier Monaten schwerer Operationen befreiten wir Rakka und versetzten der Daesh den entscheidenden Schlag auf der militärisch/strategischen und der symbolisch/ideologischen Ebene.

Der revolutionäre Kampfgeist der freien Menschen Rojavas vernichtete einen Feind, vor dem viele Menschen geflohen waren. Auch wenn die Bedrohung der Daesh und des Faschismus bleibt, ist doch das sogenannte Kalifat nicht mehr. Das ist ein historischer Sieg für Rojava und für alle Völker auf der ganzen Welt, die unter dem Joch des Faschismus in seinen verschiedenen Gewändern zu leiden haben und eröffnet einen neuen Zeitabschnitt in der Region. Rojava muss nun die gewonnenen Gebiete konsolidieren, weiterhin seine Verteidigung militärisch und ideologisch organisieren und sich auf die kommenden Herausforderungen vorbereiten.

Was bedeutet dieser Sieg für das IFB, seine Organisationen, sein revolutionäres Projekt? In welcher Beziehung stehen die militärische und die zivile Strategie des Aufbaus und der Stabilisierung des revolutionären Prozesses zueinander?

Das IFB war in allen Offensiven in Richtung Rakka und im Kampf um die Stadt sehr involviert. Es ist wichtig, die Schlüsselrolle internationaler Freiwilliger am Erfolg der Stadtoffensive des IFB herauszustreichen, durch die wir unschätzbare militärische Erfahrungen sammeln und uns einen soliden Ruf innerhalb der QSD verdienen konnten. Das IFB bleibt ein wichtiges und geschätztes Projekt der Einigkeit für alle beteiligten revolutionären Organisationen und Individuen. Wie das Rojava-Projekt als Ganzes befindet sich das IFB in einer Übergangsphase, in der es kontinuierlich die sich ständig verändernde, politisch-militärische Lage analysiert und versucht, voraus zu planen. Auch wenn der Krieg gegen die Daesh in seiner jetzigen Form sich dem Ende nähert, wird das IFB ein hereketli tabur  (Anm.: Tabur = Bataillon) bleiben. Aktuell zielen wir darauf ab, uns auf die Ausbildung und die Propaganda zu fokussieren und unsere Arbeit möglicherweise in zivile Bereiche auszudehnen. Die Revolution muss in den Gegenden, die eingenommen wurden, Wurzeln schlagen. Wenn die Leute vor Ort sich nicht in die revolutionären Strukturen einbringen und die Revolution für ihre materielle Situation keine Lösung darstellt, werden wir wahrscheinlich eher als BesatzerInnen denn als BefreierInnen gesehen und man wird uns mit Widerstand begegnen.

Was habt ihr aus den Erfahrungen gelernt? Im Sinne eines tekmil: Was war positiv und wird weiterentwickelt, was sollte zukünftig vermieden werden?

Wir lernten, wie wir unsere Erfahrungen festigen und in eine sich weiterentwickelnde militärische Doktrin übersetzen können, so dass wir auf dem sich rasant verändernden Schlachtfeld von Rakka erfolgreich mitzuhalten konnten. Das wird ein Vermächtnis des Bataillons bleiben. Wir machten einen effektiven Gebrauch unseres Operation-Tekmil-Systems, um unsere Ausbildungsprogramme auf dem neuesten Stand zu halten. Selbstkritisch betrachtet, hätte dieser Prozess bereits seit den frühesten Stufen des Feldzuges stattfinden sollen. Auch führte unser Fokus auf die unmittelbaren militärischen Aufgaben dazu, dass wir gewisse andere Aspekte des revolutionären Kampfes vernachlässigten, z.B. die Propagandaarbeit.

Wie sieht die Zukunft des IFB aus? Was sind nach der Rakka-Operation die Strategien, und  nächsten Schritte für all die militärischen Kräfte – YPG, YPJ, QSD, IFB?

Derzeit untersuchen wir die Möglichkeit, eine dauerhafte militärische Basis für die Unterbringung des IFB einzurichten. Unser Fokus liegt auf der Kommunikation mit potentiellen Freiwilligen und unterstützenden Organisationen und auf einer weiteren Strukturierung der Propagandaarbeit. Wir überlegen, unsere Aktivitäten in den zivilen Schauplatz hinein auszuweiten und evaluieren mögliche Projekte dieser Art. Das QSD ist ein Militärbündnis, das zum Zweck der Verteidigung der Errungenschaften der demokratischen Revolution in Nordsyrien gegründet wurde. Als solches setzt es sich aus repräsentativen Gruppen der beteiligten Gemeinschaften zusammen, wie der YPG/YPJ, HXP, der Militärräte von Minbedsch, Rakka und Deir Ez-Zor, und ehemaliger FSA-Gruppen. Das QSD wird seine interne Umstrukturierung fortsetzen, die Deir-ez-Zor-Offensive beenden und Vorbereitungen treffen, um jedwede Angriffe der in der Region aktiven imperialistischen Kräfte zurückschlagen zu können.

Wie analysierst du die Lage in der Region. Es scheint, dass die Situation sehr viel komplizierter und komplexer geworden ist?

Die Situation ist instabil und wechselhaft. Die Zerstörung der Daesh als territoriale Einheit stellt ein Fokus für alle Akteur*innen der Region dar. Ist dieses Ziel erreicht, werden die verschiedenen Akteur*innen ihre jeweiligen Beziehungen neu bewerten und verhandeln. Dieses Aussicht macht es schwer, eine Analyse über die Zukunft der Region zu machen. Die Türkei hält den Norden der Landschaft von Aleppo besetzt, hat Idlib betreten und erhöht den Druck auf Efrîn. Die Haschd e-Schabi bedrohen Schengal und die Grenze zum Irak. Das Regime bleibt eine immer präsente Bedrohung und es ist unklar, was seine nächsten Schachzüge sein werden. Das geopolitische Ergebnis des Rojava-Projekts wird vom Fortschritt der Revolution in den anderen Teilen Kurdistans und von der Beendigung der Wirtschaftsblockade gegen Nordsyrien abhängen. Die grundlegenden Aufgaben der Revolution bleiben dieselben: Die revolutionären Prozesse zu verteidigen und zu vertiefen und die internationale Solidarität voranzubringen.

Vielen Dank für das Gespräch. Es ist sehr wichtig für unsere Militanz in Europa, ein klareres Verständnis für die Bedeutung dieser Kämpfe zu erhalten und uns darüber bewusst zu werden, was es heisst, Schulter an Schulter gemeinsam zu kämpfen.

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