Ein besonderes Laboratorium der neuen Gesellschaft nach der Oktoberrevolution stellten Kinderbücher dar. Zahlreiche KünstlerInnen unterschiedlicher Stossrichtungen machten diese in den ersten 15 Jahren zu einem ästhetischen Erlebnis unbekannten Ausmasses, auf das heute selbst liberale KommentatorInnen staunend zurückblicken.

(az) Eine neue Gesellschaft braucht einen anderen Menschen. Doch wie erzieht man sozialistische Kinder, wenn die Lehrer noch in der alten Gesellschaft sozialisiert wurden und in weiten Teilen des Landes der Krieg gegen die Konterrevolution tobt? Der sowjetische Kinderbuchautor L. Kormchii meinte, gut ein Jahr nach der Oktoberrevolution, in einem Artikel der Prawda unter dem Titel «Die vergessene Waffe», dass Kinderbücher eine zentrale Rolle spielen müssten. So habe man zwar richtigerweise mit Kanonen und Gewehren gegen die Bourgeoisie gekämpft, dabei aber die Macht «des schriftlichen Wortes» vergessen. Man müsse hierfür nur einmal auf die Waffen des Gegners blicken. In Kampf der Bourgeoisie gegen den Sozialismus spielten Kinderbücher beispielsweise «eine wichtige Rolle». «Auch diese Waffe müssen wir aus den Händen des Feindes nehmen», schlussfolgert Kormchii daraus.

Erste Versuche nach 1918

Diese Worte fanden Widerhall – nicht zuletzt, weil es in der russischen Kultur schon zuvor verbreitet war, dass angesehene KünstlerInnen Kinderbücher gestalteten oder schrieben. Die der russischen Avantgarde nahestehende Malerin und Buchillustratorin Wera Jermolajewa gründete bereits 1918 das Künstlerkollektiv «Segodnja» (übersetzt: «heute»), das sich explizit auch Kinderbüchern widmete. Das Kollektiv publizierte vor allem kleine, meist einseitige Bildgeschichten in der Tradition der russischen «Lubok». Dies sind Illustrationen, wie sie in Russland im 17. und 18. Jahrhundert als Verzierungen populär waren. Ein Beispiel solcher, von Segodnja mit einfachsten Mitteln publizierten Werke, ist Nikolai Lapshin Illustration eines Märchens über einen sowjetischen Jungen, der eine Hexe besiegt.

Ein anderer, früher Produzent sowjetischer Kinderbücher war die jiddische «Kultur Liga». Das zuvor herrschende Verbot zur Publikation jiddischer Werke wurde in der Sowjetunion rasch aufgehoben, was 1918 zu einer intensiven Förderung jiddischer Kultur führte. Einer der wohl bekanntesten Figuren der Avantgarde, El Lissitzky, veröffentlichte 1919 in diesem Rahmen eine illustrierte Version des «Chad gadja». Dieses alte Lied wurde in der Regel am Passahfestes gesungen. Lissitzky verknüpfte dessen weit zurückreichende Tradition mit der gesellschaftlichen Aktualität, indem er seine Illustrationen mit geometrisch wirkenden Farbflächen und abstrakt werdender Figuren ausstattete, allerdings durchaus behutsam und nicht in der Radikalität seiner anderen Werke.

Rasante Entwicklung ab 1922

«Segodnja» und die «Kultur Liga» legten die Grundbausteine für die vor allem nach 1922 rasant steigende Produktion von Kinderbüchern. Mit dem Ende des Bürgerkrieges und der Abwehr der konterrevolutionären Invasion stiegen die staatlichen Ressourcen. Nun prallten verschiedene ästhetische Konzepte aufeinander und lieferten sich einen erbitterten Wettstreit, der vor allem die sowjetischen Kinder gefreut haben wird. Während die Avantgarde weiterhin versuchte, ihre Ideen umzusetzen, stiessen auch die VertreterInnen eines sozialistischen Realismus hinzu und forderten Kinderbücher, angemessen an der neuen Realität. «Arbeit, Kampf, Technologie, Natur», so charakterisierten beispielsweise Galina und Olga Chichagova in einer Illustration 1925 «die neue Realität der Kindheit». Doch anders als man sich dies heute womöglich vorstellt, geschah dies im sozialistischen Realismus für Kinder nicht als stumpfes Abbild oder als sowjetisches Heroentum, sondern an manchen Stellen die kommende Autorität unterlaufend. Dies mit einer mit der Avantgarde durchaus vergleichbaren Kreativität, die erst in den 1930er Jahren nach und nach verschwand. Drei Beispiele wollen wir euch im Folgenden vorstellen.

El Lissitzky: Die Geschichte von den zwei Quadraten (1920)

Sowohl in der Avantgarde, bei VertreterInnen des Realismus als auch bei anderen Kunstrichtungen ging es in den sowjetischen Kinderbüchern durchaus um die moralische Erziehung. Aber um eine solche, die im Sinne einer neuen Gesellschaft ästhetisch vermittelt und zugleich Teil der Erschaffung einer neuen Welt sein sollte. Radikalisiert wurde dies vor allem in avantgardistischen Werken. Als bestes Beispiel hierzu dient wohl El Lissitzkys «suprematistische Erzählung in sechs Konstruktionen». Die nur mit ganz wenigen Worten angedeutete Geschichte handelt von zwei Quadraten, die auf die Erde fliegen, wo sie auf einen schwarzen Sturm treffen, der von den Quadraten zerschlagen wird, bis sich die neue Welt durchsetzt. Offensichtlich orientierte sich Lissitzky dabei an Kasimir Malewitschs suprematistischen Quadraten, die er zu einer Geschichte aus sechs Bildern formte. Dabei mag Lissitzkys kleines Buch von allen Kinderbüchern als das komplexeste, weil mit sehr viel kunsttheoretischem Wissen voraussetzendem Werk erscheinen. Allerdings steckten dahinter wertvolle Absichten. Denn auch Kinder und Jugendliche sollten an den laufenden Kunstdebatten teilhaben und was, wenn nicht einfachste geometrische Formen, könnte dies wohl besser vermitteln?

Samuil Marshak: Der Eiskrem-Mann (1925)

Zwischen Realismus und radikaler Avantgarde gibt es zahlreiche Zwischenschritte. Ein Beispiel bieten Samuil Marshaks und Vladimir Lebedevs illustrierte Kurzgeschichten, beispielsweise «der Eiskrem-Mann». Das von Marshak geschriebene Gedicht handelt von einem fettleibigen bourgeoisen Mann, der voller Gier so viel Eiskrem isst, dass er zu einem Schneemann wird und den Kindern dadurch eine prächtige Winterlandschaft erbaut. Illustriert wurde das humorvolle Gedicht von Lebedev, der farbenfroh und mit grossen Formen die einfachen Gedichtzeilen zu veranschaulichen versuchte. Illustration und die visuelle Erfahrung nehmen nun im Vergleich zur Avantgarde einiges mehr an Raum ein und überflügeln den Text, der merklich zur Seite geschoben wird, am Rande steht und nicht mehr Teil eines Gestaltungsprozesses ist. Mehr und mehr sollte das Konkrete betont werden, anders als in der Avantgarde aber nicht durch die Zerstörung der Form, sondern durch eine Rückkehr zu grossen aber doch erkenntlichen Formen. Trotz Fokus auf die Bilder wurde die produktive Zusammenarbeit von Dichter und Illustrator aber weiter betont, beispielsweise indem beide Namen der Autoren in gleicher Grösse auf dem Titelblatt vermerkt waren.

Aleksei Laptev: Der Fünfjahresplan (1927)

Aleksei Laptevs Buch über die geplanten Entwicklungen bis 1932 ist eines jener sowjetischen Kinderbücher, welche die «neue Realität» abbilden wollten. Besonders daran sind weniger die durchaus hübschen Zeichnungen, denn das Format. Das Buch bestanden nicht nur aus ausklappbaren Seiten – ganz geöffnet konnte es bis zu zwei Meter lang werden –, es sollte auch von zwei Seiten her gelesen werden. Begann ein Kind von vorne, dann erfuhr es auf Karten in einem Überblick von den kommenden gesamtsowjetischen Veränderungen, beispielsweise im Bereich Elektrifizierung. Von hinten gelesen begegnet das Buch den Veränderungen in verschiedenen Bereichen, beispielsweise im Bereich Kohle, Öl, Transport oder Kultur. Hier erfuhr man, die Seiten noch zusammengefaltet, erst von den anstehenden Änderungen. Klappte man die Seiten schliesslich auf, erblickte man die zu erreichenden Ziele in fünf Jahren. Man muss nicht jeder sowjetischen Entwicklung kritiklos folgen, doch die sowjetischen Kinderbücher bieten einen wahrlich faszinierenden Einblick in den neuen Möglichkeitshorizont, der eine revolutionäre Veränderung mit sich bringen kann.

«Playing Soviet» bietet eine interaktive Datenbank sowjetischer Kinderbücher von 1917 bis 1953. http://commons.princeton.edu/soviet/

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