Antwort auf eine Polemik

An unserer Veranstaltung vom 4. Oktober 2019 im Volkshaus Zürich, an welcher wir die im Mai veröffentlichte Lesehilfe für Das Kapital in Form eines USB-Sticks vorgestellt haben, hat eine Person ein vierseitiges Flugblatt verteilt, das eine Polemik gegen die Interpretation von Marx‘ Das Kapital durch den „sozialrevolutionären ‚Aufbau‘“ enthält. Die Polemik wurde mit einer bisher unbekannten Dokumentationsstelle für geschichtliche Recherchen (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!; im Folgenden DfgR) unterschrieben und mehr Informationen zu ihrem Hintergrund mochte uns die Person nicht geben. Auf die Frage, weshalb sie uns „sozialrevolutionär“ nenne, meinte sie, das sei eben Polemik, in bester marxistischer Tradition. Polemik ist allerdings nicht eine Errungenschaft der Klassiker des Marxismus, sondern ganz allgemein ein Charakteristikum vieler wissenschaftlicher Kontroversen des 19. Jahrhunderts.

Wir finden es positiv, dass er unsere Arbeit überhaupt zur Kenntnis genommen und detailliert darauf reagiert wird. Gleichsam enthält die Polemik leider eine Reihe von problematischen Stellen, da aus dem Zusammenhang gerissen wird und falsch zitiert wird. Natürlich stellt eine solche Art von Debatte eher ein Problem dar. Für VeranstaltungsbesucherInnen, welche diese Polemik gelesen haben und sich damit befassen wollen, haben wir uns die Mühe gemacht, mit folgender Antwort auf einige Fehler hinzuweisen.

Wir halten der DfgR zugute, dass sie unter Ziffer 13 ihrer Polemik einen kleinen „Bock“ entdeckt hat, den wir wirklich geschossen haben: Sie zitiert uns zunächst richtig:

Die ‚Produktion‘ eines Schneemanns zählt nicht als Arbeit, sondern als Spiel.“

Drei Zeilen weiter unten bringt sie aber ein angebliches Zitat aus der Lesehilfe, das sie frei erfunden hat und das auch absurd wäre:

Die ‚Lesehilfe‘ sagt: Es gibt Dinge die haben keinen Gebrauchswert, weil ihre Erzeugung nicht als Arbeit zählt …

Darauf baut sie eine falsche Polemik auf, aber richtig ist: Wir hätten schreiben müssen:

Die ‚Produktion‘ eines Schneemanns zählt nicht als gesellschaftliche Arbeit und produziert daher keine Ware, wohl aber einen Gebrauchswert, wie jedes Spiel, das wir zu unserer eigenen Unterhaltung spielen.“

Polemisieren, aus dem Zusammenhang reissen und falsch zitieren gehören aber offenbar zu den methodischen Werkzeugen der DfgR. Dazu einige wenige Beispiele:

Aus dem Zusammenhang reissen:

Ziffer 1:

Aus der auf dem USB-Stick der Lesehilfe enthaltenen Datei Money makes the world go around zitiert uns die DfgR:

Im Kapitalismus stellt sich diese Kontinuität der Produktion als Kontinuität der Produktion von Waren dar.“

Es fehle die Produktion von Mehrwert und Kapital. Ersteres folgt aber gleich im nächsten Satz:

Die Waren sind Träger des Wertes und des Mehrwertes.“

Im Zusammenhang der Argumentation, weshalb der Wert die Geldform durchlaufen muss, spielt die Reproduktion von Kapital vorerst keine Rolle. In anderen Zusammenhängen, z.B. einem Flugblatt oder einem Zeitungsartikel, würden wir selbstverständlich schreiben:

Im Kapitalismus stellt sich diese Kontinuität der Produktion als Kontinuität der Produktion von Waren, Mehrwert und Kapital dar.“

Wir schrieben:

Ohne das Zutun von arbeitenden Menschen produziert eine Maschine weder Waren noch Werte. Deshalb haben eine Dampfmaschine oder ein Roboter keine Produktivkraft.“

Aus dem Zusammenhang ist zwar völlig klar, was wir meinen, aber vielleicht hätten wir im zweiten Satz nachdoppeln müssen:

Deshalb haben eine Dampfmaschine oder ein Roboter für sich alleine keine Produktivkraft.“

Dass Marx immer die „Produktivkraft der Arbeit“ meint, wenn er von Produktivkraft schreibt, beweist die DfgR mit ihren Marx-Zitaten gleich selbst: Es ist dort immer von Produktivkraft der Arbeit die Rede.

Ziffer 15:

Was mit der „zwieschlächtigen Natur der Arbeit“ gemeint und wie hoch die von Marx eingeführte Unterscheidung zwischen „konkret nützlicher“ und „abstrakt menschlicher“ Arbeit einzuschätzen ist, haben wir in unseren Kommentaren zur Ziffer 2 des ersten Kapitels des Ersten Bandes – der Doppelcharakter der in den Waren dargestellten Arbeit – ausführlich dargestellt (Lesehilfe I, S. 9-11).

Falsche Zitate:

Ziffer 2:

Es heisst in Lesehilfe I nirgends:

Nur die lebendige Arbeit schafft also den Wert der Waren.“

Wir formulierten entweder:

Diese Sichtweise enthüllt einmal mehr, dass nur die lebendige Arbeit Wert schaffen kann. Der in den Produktionsmitteln vergegenständlichte Wert kann sich im Produktionsprozess nicht vermehren, sondern er kann nur auf das neu geschaffene Produkt übertragen werden“ (S. 62),

oder:

Er [Marx] leitet ab, warum sich im Produktionsprozess nur v verwertet und nicht c + v, denn nur die lebendige Arbeit schafft neuen Wert, die vergangene, in c enthaltene, wird nur übertragen.“

Damit ist schon gesagt, dass die DfgR mit ihren Ziffern 7, 8 und 11 falsch liegt. Ohne Quellenangabe zitiert sie in Ziffer 7

nur die lebendige Arbeit schafft Mehrwert“.

Dieses Zitat findet sich nirgends im „Kapital“. Genau gelesen könnte es heissen, dass der Mehrwert nur durch lebendige Arbeit geschaffen wird und nicht etwa durch tote, nur übertragene Arbeit. Die DfgR scheint ihr – offenbar erfundenes – Zitat so zu verstehen, dass die lebendige Arbeit nur während der Mehrarbeitszeit Wert schaffen würde, nämlich den Mehrwert. Sie schafft aber selbstverständlich auch während der notwendigen Arbeitszeit Wert, nämlich den Gegenwert von v, dem variablen Kapitalteil, den KapitalistInnen vorschiessen müssen. Und selbstverständlich enthält die neu produzierte Ware nicht nur den neu produzierten Wert, den die lebendige Arbeit schafft, sondern auch den Wert des konstanten Kapitals, geschaffen durch tote, vergangene Arbeit, die im konstanten Kapital vergegenständlicht ist und durch die lebendige Arbeit auf das neu geschaffene Produkt übertragen wird.

Ziffern 3-6:

Wir können es kurz machen: Den Preis und insbesondere die Problematik der Preisform des Lohnes haben wir an geeigneter Stelle ausführlich kommentiert. Der Tauschwert ist die Erscheinungsform des Wertes, der Preis ist die Geldform des Tauschwertes. Insofern ist der Preis Erscheinungsform des Tauschwertes und setzt voraus, dass die Geldform existiert. In Ziffer 3 des Ersten Kapitels des Ersten Bandes abstrahiert Marx aber ausdrücklich vom Geld, denn er will ja zunächst die Entstehung des Geldes aus dem einfachen Tausch ableiten. Und Marx kannte Autoren wie Michael Heinrich, Prototyp der sogenannten Neuen Marx-Lektüre, die wir ausführlich kritisieren, natürlich nicht. Sie führen eine monetäre Werttheorie ein, die besagt, dass von Wert erst dann gesprochen werden kann, wenn er als Tauschwert auf dem Markt erscheint. Damit negieren sie, dass Wert und Mehrwert schon vorher geschaffen wurden und die ArbeiterInnen auch dann ausgebeutet sind, wenn sich der von ihnen geschaffene Wert auf dem Markt nicht realisiert. Eine solche Werttheorie blendet die Ausbeutung schlichtweg aus. Damit verlässt sie den proletarischen Klassenstandpunkt. Wir haben deshalb gelernt, dass die Abkürzung, die, wie Marx schreibt, keinen Harm tut, sofern man das einmal weiss (MEW 23, S.75), unbedingt zu vermeiden ist. Erstens vergisst man das, was man einmal weiss, immer wieder, und es scheint uns, dass die AutorInnen der Neuen Marx-Lektüre dieses Wissen womöglich absichtlich unter den Tisch kehren. Aus diesen Gründen sind wir der Meinung, dass jene Sprechweise eben doch Harm tut. Das ist keine Kritik an Marx, sondern an Heinrich&Co. – und nun auch an die DfgR: Wenn es die DfgR so unglaublich stört, dass wir auf der Unterscheidung von Tauschwert als Erscheinungsform und von Wert als Wesen beharren, und wenn sie ständig die Schaffung von Wert und die Übertragung von Wert zusammenwürfelt und negiert, dass nur die menschliche Arbeit Wert schafft, muss auch sie sich sagen lassen, dass sie den proletarischen Klassenstandpunkt womöglich verlassen hat. Haug und Altvater, auf die wir einige Male zurückgreifen, mögen zwar Reformisten sein, und wir kritisieren manche ihrer Positionen, aber den proletarischen Klassenstandpunkt haben sie nie aufgegeben.

Fazit:

Über eine Kritik, die uns alle weiter bringen würde, hätten wir uns sehr gefreut. Leider können wir eine solche nicht erkennen. Vielmehr grenzt die Replik der DfgR an eine Fälschung, mit allen dafür typischen Merkmalen: aus dem Zusammenhang reissen, erfundene Zitate einschmuggeln und polemisieren, um von der Unhaltbarkeit ihrer Kritik abzulenken.

10. Oktober 2019 Revolutionärer Aufbau Schweiz

PS: Auf Seite 3 ist ein Kasten mit dem Titel Alternative Lesehilfen eingefügt. Dazu Folgendes: Wir haben versucht, den unüberwindlich scheinenden Dritten Teil des Ersten Kapitels überwindlich zu gestalten, um den ganzen Ersten Band „geniessbar“ zu machen. Auf Marx‘ frühe Schrift Lohn, Preis und Profit haben wir in Lesehilfe I, S. 166 verwiesen sowie auf Seite 53 in Fussnote 50 auf den Fehler aufmerksam gemacht, der in jener Schrift noch enthalten ist und der von Marx später explizit als Fehler bezeichnet und korrigiert wurde. Auf die Marxistische Arbeiterschulung, Kursus Politische Ökonomie haben wir wiederholt zurückgegriffen und sie auch in der Anleitung unter Methodisches aufgeführt. Die Empfehlung, den Dritten Band vor dem Zweiten zu lesen, steht, entgegen der Behauptung der DfgR, im Vorwort des Dritten Bandes mit Begründung prominent im Kasten, ebenso im Vorwort des Zweiten sowie in der Anleitung unter Methodisches.

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