Eine Comic-Reportage zeichnet die Machenschaften des internationalen Währungsfonds unter Christine Lagarde nach. Ins Bild gesetzt, wie es aussieht, wenn sich Neoliberalismus als Feminismus gebärdet und dabei alles bleibt, wie es ist.

(az) In Ecuador und Haiti liefern sich Protestierende und Polizei Gefechte, weil sich die Bevölkerung gegen die Strukturanpassungsprogramme des internationalen Währungsfonds (IWF) erhebt. So etwas passiert in regelmässigen Abständen doch nicht oft genug. Denn wo der IWF die Finger im Spiel hat, ist der Notstand Programm. Und die Verschärfung einer ohnehin prekären Situation garantiert. Die Institution leiht Geld an Staaten in Krise und knüpft den Kredit an Bedingungen aus dem neoliberalen Werkzeugkasten: Sparmassnahmen bei staatlichen Ausgaben, seien das Löhne, Renten oder Personal, ausserdem Mehrwertsteuererhöhung und Privatisierung der öffentlichen Betriebe, um an schnelles Geld zu kommen. Gebraucht wird das Geld dann, um die Schulden zu begleichen. Das sind die gängigen 'Auflagen' des IWF, oder um es in den Worten der gezeichneten Reportage zu sagen: Der IWF ist der «Aushungerer der Völker».

Aus der Feder des IWF tönt das allerdings anders. Der sagt über die Massnahmen, gegen welche die verarmte Bevölkerung erbittert ankämpft, sie seien zur «Verbesserung der Widerstandskraft und Nachhaltigkeit der ecuadorianischen Wirtschaft» und «wichtige Massnahmen zum Schutz der Armen und Verletzbarsten sowie zur Arbeitsplatzbeschaffung in einer wettbewerbsfähigen Ökonomie.» Der IWF verhält sich realpolitisch also so, wie er es seit Jahrzehnten tut, verschleiert es neuerdings aber in Sorge um die «Armen und Verletzbarsten». Den Werdegang dieser Wortwahl porträtiert die gezeichneten Reportage.

Die Reportage erzählt zugänglich die Geschichte des IWF von den Anfängen bis in die Gegenwart, fokussiert dabei aber auf die Zeit unter Christine Lagarde, die bis September 2019 die geschäftsführende Direktorin war. Nicht zufälligerweise kommt sie aus Frankreich. Häufiger als jeder andere Mitgliedsstaat des IWF hatte ein französischer Politiker das Amt an der Spitze inne und eben: In den vergangenen acht Jahren erstmals sogar eine französische Politikerin. Eine Frau! Zudem eine Vegetarierin und ehemalige Sportlerin! Wen sollen da ihre konservativen und neoliberalen Positionen, die sie in der Regierung Sarkozy schon zur Genüge bewiesen hatte, interessieren. Sie bot Oberfläche für Inszenierung, eine Tatsache, die die PR-Abteilung zu nutzen wusste und Christine Lagarde selbst gerne ins Feld führte.

Blick hinter die PR-Kulisse

Drastisch wird uns vorgeführt, dass es sich lohnt, auf die praktizierte Politik zu achten und sich nicht von der PR blenden zu lassen. 2011 übernahm die amtierende französische Wirtschaftsministerin der Regierung Sarkozy das Amt der geschäftsführenden Direktorin des IWF. Von Anfang an inszenierte sie sich als 'anders' als der bisherige IWF. Markig verkündete sie, sie werde das Amt mit einem «tieferen Testosteronspiegel» erfüllen als ihre Vorgänger. Zweifelsfrei war das eine notwendige, aber auch sehr billige Abgrenzung gegenüber ihrem direkten Vorgänger Strauss-Kahn, der sein Amt wegen der Anklage, eine Hotelangestellte vergewaltigt zu haben, abgeben musste.

Aber wir müssen den grösseren Kontext betrachten. Damals stand es schlecht um den IWF. Sein Image war auf mehreren Ebenen angeschlagen, die Anklage gegen Strauss-Kahn und seine machohafte, überhebliche Reaktion trugen da nicht zu einer Entspannung bei. Jedoch war bei weitem nicht nur das Image angekratzt. Verschiedene Länder, insbesondere die eher links regierten Staaten Lateinamerikas, kritisierten den IWF offen und völlig zu Recht für seine Wirtschaftspolitik, mehrere hatten die Nase voll und versuchten ihn auf Distanz zu halten. Christine Lagarde oblag deshalb die Aufgabe, den IWF zurück zu alter Macht zu verhelfen. Also inszenierte sie sich in der Folge gekonnt und selbstbewusst als Erneuererin und Freundin der leidenden Massen, als Abweichung vom bisherigen IWF, versprach Rücksichtnahme, machte Witze und trat gerne in der Öffentlichkeit auf, sei das an Konferenzen oder auf dem Cover der Modezeitschrift Vogue.

Gerade für diesen Teil der Geschichte, die Image-Pflege, eignet sich die gezeichnete Reportage ausserordentlich gut, direkter und greifbarer als das geschriebene Wort kann die Fassade demontiert und ironisiert werden, wie dem Titelbild oben unschwer anzusehen ist. Es bleibt dabei aber auch klar, dass der Schein vor allem in den bürgerlichen Medien zählt, zur Herstellung von Hegemonie beiträgt, aber wenig mit der Realität zu tun hat. Was Lagarde und dem IWF schliesslich wirklich zum Erfolg und zur Rückkehr ins Zentrum des Geschehens verholfen hat, ist nicht die PR, sondern die ökonomische Krise und die Verschiebung der Machtverhältnisse in Lateinamerika, verkörpert in Personen wie Macri und Bolsonaro.

Die Reportage porträtiert entsprechend auch die Realität hinter dem Schein. Die Auflagen und Zwänge des IWF inklusive der daraus folgenden Verwüstungen durch die Strukturanpassungsprogramme. Dabei dienen Griechenland und Argentinien als die zwei Hauptbeispiele, die in die Amtszeit von Lagarde fallen. Politisch kann kritisiert werden, dass die als 'Kontrahenten' aufgebauten Syriza für Griechenland und Cristina Kirchner für Argentinien zu gut abschneiden. Das Drehbuch hat für sie eine feste Rolle in der Dramaturgie des Comics vorgesehen. Sie sollen dem IWF die Stirn bieten und dabei verlieren. Für differenzierte Kritik an der 'eigenen Seite' bleibt da kein Platz. Das ist ein Mangel, obwohl tatsächlich die Syriza verglichen mit dem IWF die weniger kritikwürdige Struktur darstellt. Ein Vergleich allerdings, den wir vernünftigerweise nicht unternehmen sollten.

Trotz dieses kleinen Einwands lohnt sich die Lektüre, nimmt uns mit ins Zentrum der Macht und Korruption und lehrt uns die selbstgewählte Beschränktheit der bürgerlichen Medien. Diese unterschlagen willfährig, vor lauter Glückseligkeit über die fotogene geschäftsführende Direktorin, die äusserlich modern wirkt und sich optimal mit Büsi-Filmchen kombinieren lässt, welche Politik unverbrämt und ungehindert betrieben wird. Meistens. Die Aufstände, seien es jene in Ecuador oder in Griechenland, tragen dazu bei, den IWF wieder ins richtige Licht zu rücken. Für MaterialistInnen gewiss keine neue Erkenntnis, allerdings haben wir sie nur selten so eindrücklich vorgeführt bekommen.

Du kannst den Comic downloaden

Die beschriebene, gezeichnete Reportage steht nun auf Deutsch übersetzt auf aufbau.org zur Verfügung und kann heruntergeladen werden. Sie ist der französischen Zeitschrift «La Revue Dessinée» Nr. 25, 2019 entnommen.

«La Revue Dessinée» existiert seit einigen Jahren, erscheint vierteljährlich und druckt ausschliesslich gezeichnete Reportagen ab. Sie wird, wie das für Reportagenzeitschriften üblich ist, mit Reportagen unterschiedlicher Qualität und zufälligen Themen gefüllt. Das Projekt ist allerdings nur realisierbar, weil im franco-belgischen Raum die Anzahl der MacherInnen, also ZeichnerInnen und SzenaristInnen, sehr viel grösser ist als im deutsch- sprachigen Raum, selbstredend auch die Anzahl möglicher AbonnentInnen.

Bemerkenswert ist, dass sich in jeder «Revue Dessinée» mindestens eine interessante Reportage finden lässt, manchmal durchaus mehr, wie in der hier angepriesenen Nummer 25. So befinden sich neben dem porträtierten IWF auch eine Reportage zur Migration durch die Wüste von Niger, eine zum Dealer-Leben in den Quartiers Nord von Marseille und eine über Plastik. Die Titelstory über die karitative Einrichtung «Emmaüs» scheint interessant zu sein, zeigt aber eines der Probleme auf: Wer Frankreich nicht ausreichend kennt, versteht manchmal nicht alles, klarerweise deckt die Zeitschrift auch innenpolitische Themen ab.

Für alle, die gerne Französisch lesen, lohnt es sich, «La Revue Dessinée» zu abonnieren. Eine Kostprobe, die wir als thematisch besonders gut zu uns passend empfinden, haben wir als Appetithäppchen online gestellt.

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