In den USA boomt der Markt für Überwachungstools. An Schulen werden die Mails von SchülerInnen in Echtzeit gescannt, während intelligente Kameras jeden Winkel überwachen. Wer gegen Regeln verstösst, wird kriminalisiert.

(az) US-Amerikanische Schulen leiden unter einem Paradox. Trotzdem sie statistisch gesehen zu den sichersten Orten für Kinder und Jugendliche gehören, gelten sie in Umfragen als gefährlicher denn je. Diese Annahme resultiert vor allem aus den zahlreichen Amokläufe der letzten Jahren. Wo immer es zu solchen kam, wurde danach in breit getragenen gesellschaftlichen Debatten nach besseren Massnahmen gerufen. Statt sich jedoch der Ursachen anzunehmen – und sei dies nur schon die Frage zu stellen, wieso Waffen derart leicht erwerbbar sind –, entstand in den vergangenen Jahren ein gigantischer Markt für Sicherheitsprodukte: Knapp drei Milliarden Dollar werden von amerikanischen Schulen jährlich in den Sicherheitsbereich investiert.

Digitale Überwachung

Eine wichtige Rolle nehmen digitale Überwachungsprodukte ein. Die amerikanische Softwarefirma Bark bietet beispielsweise eine in Echtzeit funktionierende, 24/7 arbeitende Überwachung aller über das Schulnetz gesendeten Mails, geteilten Dokumenten oder Chatprogrammen an. Andere Unternehmen wie Gaggle oder Securly bieten ein vergleichbares Angebot. Zusammen überwachen die drei führenden Unternehmen nach eigenen Angaben pro Jahr mehr als 15 Millionen SchülerInnen in gut 13'000 Schulen.

Die eingesetzten Überwachungssoftwares arbeiten vor allem mit Stichwortfiltern. Enthält eine Nachricht oder ein Dokument das Wort «Suizid», «Amok» oder «Marihuana» erhält die zuständige Person, etwa ein/e RektorIn, innert Sekunden eine automatische Nachricht. Er oder sie muss nun den restlichen Nachrichtenverlauf überprüfe, um zu beurteilen, ob eine Gefahr vorliegt. Dieses Vorgehen ist allerdings umständlich und ungenau. Bark gibt beispielsweise an, dass man alleine im Frühlingssemester 2018 1'494'438 Probleme registriert habe, was im Durchschnitt 0.85 Fälle pro überwachter Person entspricht. Entweder haben amerikanische Kids noch mehr Probleme als man denkt, oder aber – was wahrscheinlicher ist – die Software arbeitet nicht besonders genau und als auffällig vermerkte Schlagwörter erscheinen in viel zu vielen zufälligen Zusammenhängen. Gewisse Schulen haben dieses Verfahren deswegen bereits wieder rationalisiert, sodass nicht mehr eine schulinterne Behörde oder Person die Nachricht bei angezeigter Gefahr durchlesen muss, sondern eine vom Softwareunternehmen angestellte Person die Nachricht liest und sie nach möglichen Gefahren einstuft (bei Gaggle sind dies ArbeiterInnen, die ohne jede Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen für 10 Dollar in der Stunde Nachrichten durchforsten) oder der Verlauf wird gleich direkt an die Polizei weitergeleitet, die entscheiden kann, was als nächstes zu tun ist.

Die digitale Überwachung bleibt nicht nur auf SchülerInnen beschränkt. In einem mittlerweile wieder gelöschten Blogbeitrag warb Gaggle damit, dass auch Unzufriedenheit bei den LehrerInnen entdeckt werden könne: «Denken Sie an die jüngsten Streik in West Virginia. Wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn die dortigen Schulleitungen Monate zuvor Suchaktivitäten für "Krankenversicherung" oder "Streik" angefordert hätten? Gelegentliche Anfragen nach Suchaktivitäten bezüglich "Gehalt" oder "Entlassungen" könnten die Bedenken der Mitarbeiter zerstreuen, die zu negativen Auswirkungen in Ihrem Schulbezirk führen.» Die digitale Überwachung soll Streiks künftig verhindern, indem Unzufriedenheit frühzeitig erkannt wird, und MitarbeiterInnen ebenso frühzeitig gemassregelt werden.

Die Rolle der Eltern

Werden Streiks verhindert und Jugendliche diszipliniert, dient die Überwachung der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Doch der Kontrollwahn hat auch eine Eigendynamik erhalten. So ist die Zunahme von Kindersicherungssoftwares nicht alleine einem staatlichen Überwachungswahn geschuldet, sondern resultiert ebenso aus einem sich verändernden elterlichen Bedürfnis. Das eigene Kind ist mehr denn je ein zu schützendes, ja fast schon heiliges Objekt, dessen Entwicklung man möglichst genau kontrollieren will.

Sowohl Bark als auch Securly bieten ihre Produkte ebenso besorgten Eltern an. Bei Bark kann man beispielsweise für eine monatliche Gebühr von 9 Dollar nachverfolgen, welche Webseiten das Kind aufgerufen hat, welche Suchworte es in Google eingegeben hat oder welche Youtube-Videos geschaut wurden. Damit trifft das Unternehmen den Nerv der Zeit. Gemäss Umfrage des Pew Research Centers gaben 40 Prozent der befragten Eltern an, dass sie Tools zur Überwachung der Internetaktivität ihrer Kinder eingesetzt haben, und 16 Prozent gaben an, dass sie Apps nutzten, um ihre Kinder zu tracken. Ob die Zahl der elterlichen ÜberwacherInnen tatsächlich so hoch ist, lässt sich schwer sagen, allerdings zeigen die grosse Anzahl verfügbarer Apps und die dazugehörigen Downloadzahlen in den App Stores von durchaus reger Verwendung. Und auch der Kapitalmarkt zeigt sich zuversichtlich. Gemäss Einschätzung verschiedener Marktanalysen wird sich der Marktwert von Kindersicherungssoftwares in den kommenden Jahren vervielfachen.

Überwachte Schulen

Überwachungssoftwares sind nicht das einzige neue Tool zur Überwachung von SchülerInnen. Manche Schulen setzen dank vernetzter Gadgets auf umfassende Trackingmethoden, andere haben Mikrophone installiert oder setzen auf intelligente Kameras, die aggressives Verhalten erkennen sollen. Über 80 Prozent aller us-amerikanischen Schulen sind mittlerweile videoüberwacht. Fast alle Schulen nutzen zudem Zugangskontrollen. Diese gibt es mittlerweile auch als App. Und die bieten weit mehr als nur digitale Zugangschips. In Schulen, die beispielsweise auf die Software von «e-Hallpass» zurückgreifen, müssen SchülerInnen über die App eine Anfrage stellen, wenn sie den Klassenraum verlassen wollen. Versendet ein/e SchülerIn zu viele Anfragen oder verbringt jemand zu viel Zeit im WC, wird die Schule informiert und die betreffende Person steht künftig unter besonderer Überwachung. «Classroom Management» nennt sich dieses Prinzip in der Sprache des Anbieters.

In Florida gehen die Abgeordneten nach dem letzten Amoklauf noch einen Schritt weiter. Sie fordern eine umfassende Datenbank, in der zahlreiche Informationen gesammelt werden. Darunter fallen nicht nur Informationen über den bisherigen Bildungsweg, und Auszüge aus dem Strafregister und bezogenen Sozialleistungen, sondern auch umfassende Informationen über geschriebene und geteilte Social Media Beiträge oder Informationen darüber, ob man an der Schule schikaniert wurde und deswegen potenziell auf Rache aus ist. Die Idee dahinter entspricht dem Zeitgeist der Kontrollgesellschaft. Mit einer Vielzahl an Daten ausgestattet glaubt man, TäterInnen schon im Vorfeld ausmachen und Taten dadurch verhindern zu können. Überwachungstechnik entspricht der öffentlichkeitswirksamen Inszenierung von Sicherheit. Inwiefern sie ihrem Versprechen auch nur annährend Rechnung tragen kann, und – wie von den Softwareanbietern versprochen – schon zahlreiche Amokläufe verhindert hat, wurde immer wieder angezweifelt.

Von der Schule in den Knast

SchülerInnen kennen in der Regel eine gewisse Kreativität, wenn es um die Überlistung von Überwachung geht. Und an vielen Orten dieser Welt ist auch nicht jeder schulische Regelverstoss mit langfristigen Konsequenzen verbunden. Doch in den USA ist über Jahrzehnte ein System der Kriminalisierung entstanden, das mehr Menschen als in allen anderen Ländern dieser Welt in die Knäste treibt. Nirgendwo sonst gibt es für jugendliche proletarische Schichten, insbesondere für schwarze Personen, eine vergleichbar hohe Wahrscheinlichkeit im Knast zu landen.

Eine Teilschuld daran trägt das Bildungswesen, das Jugendliche schon früh kriminalisiert. An gut 40 Prozent aller amerikanischen Schulen gibt es «School Resource Officers», das sind in den Schulhäusern patrouillierende PolizistInnen. Etliche Schulen kennen ein System von Regelverstössen, die nicht nur schulintern, sondern auch gesetzlich bestraft werden. Alleine im Bundesstaat New York wurden 2017 1'310 Festnahmen, Vorladungen oder Verfahren nach Jugendstrafrecht an Schulen für «nicht-kriminelle Vergehen» gemeldet. Darunter fallen Anklagen wegen Hausfriedensbruch, weil sich jemand in einem Gebäude, das mehrere Schulen beheimatet, auf dem falschen Stock befand, Anzeigen wegen der Verwendung obszöner Sprache oder Anzeigen aufgrund der Teilnahme an Protesten. Nicht miteingerechnet sind die zahlreichen weiteren Anklagen wegen geringfügigen Verstössen aufgrund von Drogenkonsum oder Sachbeschädigungen.

Als «Schule-Knast-Pipeline» wird die Verbindungslinie zwischen früher Kriminalisierung und späteren Knastaufenhalten umgangssprachlich bezeichnet. SchülerInnen werden für nichtige Taten in das Strafsystem gezerrt, und kommen aus dem daraus entstehenden Teufelskreis nicht mehr raus, so zumindest ist die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnten: Die Law-and-Order Politik der USA hat nicht zu weniger Straftaten geführt, sondern zu einer unvergleichbaren Zunahme inhaftierter und kriminalisierter Menschen. Mit der Zunahme von digitalen Überwachungsmöglichkeiten steigt die Anzahl kriminalisierter SchülerInnnen weiter, beispielsweise weil jemand einmal zu viel «Marihuana» oder «Graffiti» an seine KollegInnen gesendet hat, und plötzlich unter besonderer Überwachung steht.

Aus: Aufbau 99

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