Eine Genossin unserer Organisation besucht seit 2015 regelmässig Rojava. Sie verfolgt den Verlauf der gesellschaftlichen Prozesse, die Entwicklung der InternationalistInnen und die geostrategischen wie militärischen Aspekte. Sie war in der ersten Phase der Militäroperationen vor Ort und hat zwei Monate dort verbracht.

(raw/gpw) Kannst du einen Überblick über die Situation seit der Invasion vom 9. Oktober schaffen?

Rojava befand sich bereits davor in der Mobilmachung. Diese läuft seit September des letzten Jahres, die Lehren aus der Invasion von Afrin wurden gezogen. In der Zeit als klar war, dass die Panzer für den Moment nicht über die Grenze rollen werden, wurden in Rojava die gesellschaftlichen Prozesse weiter getrieben und die Mobilmachung nicht zurückgenommen. Das heisst, das Bewusstsein für den Krieg zu schärfen, den Widerstand sowohl im militärischen und vorallem im zivilen auf den Angriff vorzubereiten und die Ausbildung an den Waffen zu organisieren.

Als dann deutlich war, dass die Türkei angreifen wird, waren die Menschen vorbereitet. Natürlich gab es grosse Spannungen: In welchen Städte an der Grenze werden die Angriffe intensiviert? Wann kommen die Luftangriffe? Denn es war und ist klar, dass die imperialistischen Kräfte den Luftraum für den Angriff öffnen. Erste Angriffe mit schweren Waffen erfolgten in Qamishli, doch schnell zeigte sich, dass der Hauptangriffspunkt in Serekaniye liegen wird. Das Eigenartige in einer solchen Situation ist, dass man sich sehr schnell daran gewöhnt. Man ist sehr aufmerksam, versucht den Verlauf und den Charakter der Situation zu verstehen. Wenn es sich dann klärt, folgt eine gewisse Beruhigung. Das Leben geht weiter, Strassen werden geputzt und Häuser gebaut. Normalität als Waffe gegen Trauma und Ängste.

Serekaniye entwickelte sich zum Widerstandsort gegen den türkischen Faschismus. Das wurde ermöglicht durch gute Kriegsvorbereitungen, im Speziellen taktische Elemente gegen die Bombardierungen aus der Luft, bei denen Lehren aus Afrin umgesetzt wurden. Viele InternationalistInnen, darunter auch das Internationalen Freiheitsbatallion (IFB), welches nach längerer Zeit wieder aktiver und eigenständiger Teil der militärischen Operationen ist, waren in dieser Zeit an der Front in Serekaniye und kämpften mit sehr grosser Kraft gegen die faschistischen Invasoren. Dieser Widerstand hat eine sehr grosse Bedeutung.

Im Zuge der unterschiedlichen Abkommen, so auch dem sogenannten Waffenstillstandsabkommen zwischen der Türkei und den USA, und den zahlreichen Wechseln der imperialistischen Linie – mal zieht ein Militärkonvoi hier durch, dann wieder einer einer anderen Kraft, dann ziehen sich gewisse zurück, nur um später wieder aufzutauchen – war irgendwann klar, dass dies absolutes imperialistisches Chaos ist. Für uns hiess das, dass die Spannung und die Widersprüche zwischen den imperialistischen Kräften uns einen Raum eröffneten, um unsere Sache zu verstärken und vorzubereiten.

Was muss man erwarten, wenn die Türkei militärisch erfolgreich wäre?

Man darf nicht vergessen, dass in Knästen oder an Orten wie dem Camp Al-Hol Tausende AnhängerInnen des Daesh ausharren. Darunter 11‘000 seiner glühendesten internationalen Anhängerinnen. Die Situation ist brandgefährlich und dort bestimmen die radikalsten Daesh. Sie sind ein gefährlicher Faktor im gesamten Krieg. Weiter muss man sehen, dass es überall, wo die türkische Armee oder ihre dschihadistischen Bande hinkommen, zu ethnischen Säuberungen kommt. Diesen türkischen Faschismus darf man nicht unterschätzen. Es kommt zu einer Türkisierung und Islamisierung der besetzten Gebiete, sei es in der Schule oder im öffentlichen Leben. Das beobachten wir in Afrin. Es ist klar, dass der 30 Kilometer breite Streifen, den Erdogan besetzen will, alles andere als ein Schutzraum sein wird.

Derweil ist der Widerstand von lokalen und internationalistischen Kräften enorm und er geht weiter. Es wird militärisch ein langer, schwieriger und harter Kampf. Diese historische Situation ist absolut einmalig. Praktisch alle wichtigen imperialistischen Kräfte sind auf diesem Raum aktiv – die kurdische Bewegung redet aus diesem Grund vom 3. Weltkrieg. Trotz allen Widersprüchen der Imperialisten besteht unter ihnen die Einheit, dass niemand ein perspektivisches Interesse daran hat, ein revolutionäres Projekt wie Rojava gedeihen zu sehen. Es geht ihnen um geostrategische Interessen und eigene langfristige Projekte in dieser Region, wie beispielsweise die Kontrolle der Ölfelder. Krieg und Faschismus stehen hier konkret dem demokratischem Zusammenleben zwischen verschiedenen Ethnien und Religionen diametral entgegen.

Es gibt den Vorwurf, dass Rojava ein Spielball der imperialistischen Mächte ist. Wie wird das vor Ort bewertet?

Wenn man sich damit auseinandersetzt, was eine Revolution ist, sieht man: Es ist ein Prozess in einer absolut widersprüchlichen Situation. Prozesshaftigkeit bedeutet mit diesen Widersprüchen zu arbeiten. Die Revolution in Rojava ist keine Sache, die man einfach an- oder abschalten kann, sondern ein revolutionärer Prozess in einer historischen Etappe. Dabei könnten die Schwierigkeiten in Rojava nicht viel grösser sein, als sie jetzt vorzufinden sind.

Ich denke man muss in einer solchen Situation nicht in erster Linie schauen, wer wo was mit wem macht, sondern zu verstehen versuchen, wie sich ein revolutionärer Prozess in einer solchen Position verteidigt. Was ist überhaupt möglich? Wie unterscheidet man zwischen Taktik und Strategie - in welcher Situation wird ein taktisches Element zu einem strategischem und wie verhindern wir das? Was heisst es, das Strategische zu verteidigen, wenn es in einer Situation eine historische Änderung gibt? In den 7 Jahren von Rojava hat sich sehr vieles verändert. Es ist ein Prozess, kein Stillstand, keine Utopie und keine Blase. Es ist eine Möglichkeit, um zu lernen, wie man sich für das einsetzt, was einem wichtig ist, und sich den Widersprüchen stellt. Dann muss man feststellen, es ist ein Kampf, ein Kampf um strategische Priorität. Es ist ein Kampf, wo man auch taktische Elemente akzeptieren muss, weil man sonst kaputt geht. Dieses Lernen, was Dialektik bedeutet und was Vorankommen bedeutet in der Gesellschaft, zwischen den Menschen, zwischen den verschiedenen Ethnien, Religionen und auch Gebieten. Es heisst lernen, was Revolution heisst. Was wir jetzt erleben, ist ein historischer Moment, den man nicht verpassen darf. Wenn wir den Prozess im eigenen Land weiter entwickeln wollen, dann müssen wir nicht zwischen gut und böse unterscheiden, sondern lernen, mit Strategie und Taktik umzugehen. So sind wir in der Lage, uns Veränderungen anzupassen und immer wieder nächsten Schritte zu überprüfen.

Wir hören immer wieder, dass die internationale Solidarität enorm wichtig ist und in Rojava wahrgenommen wird. Wie kommt das denn dort an?

Ja, das ist so. Es laufen stets kurdische Fernsehsendungen, dauernd laufen Bilder der Grossdemos und der Widerstandsaktionen aus aller Welte über die Bildschirme. Die Bevölkerung von Rojava und die kurdische Bewegung ist nicht alleine, sondern die Welt ist auf den Strassen. Die Massenmobilisierungen spielen dabei eine wichtige Rolle im Krieg. Es ist für uns wichtig, zu realisiseren, dass wir tatsächlich ein Teil des Machtfaktors geworden sind, welcher sie konkret vor Ort stärkt. Was wir hier tun, gibt ihnen dort nicht nur viel viel Kraft, sondern wird ein Faktor des Drucks gegen die Herrschenden.

Doch wir müssen auch an unseren eigenen Prozess denken. Solidarität und Internationalismus sind nicht gleichzusetzen. Es läuft die internationale Kampagne #Riseup4Rojava unter anderem mit dem Ziel, die Verantwortlichen im eigenen Land anzugreifen. Erst die Verbindung zwischen unserem eigenem politischen Prozess und der Solidarität bringt einen wirklich qualitativen Internationalismus hervor, die authentische Verbindung der Politik hier mit jener dort. Wir müssen erkennen, dass das ein langwieriger Prozess ist und bleibt, denn der Krieg wird nicht nach ein paar Wochen oder Monaten vorbei sein. Das heisst für uns perspektivisch denken, einen langen Atem entwickeln und weitermachen. Schliesslich: Welchen Prozess wollen wir vorantreiben? Der Faschismus und so auch der Antifaschismus spielen eine wichtige Rolle im Internationalismus. Es gibt viele Aufrufe aus Rojava, eine antifaschistische Front zu verstärken und gezielt den türkischen Faschismus ins Zentrum stellen. Diese Arbeit heisst auch, den Aufbau-Prozess im eigenen Land voranzutreiben.

Aus: Aufbau 99

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