Das Abwälzen von Risiken und Verantwortung auf Arbeitende ist so alt wie Kapitalismus selbst. Welche Eigenheiten präg(t)en die verschiedenen Momente dieser Entwicklung?

(rabs) Fahren für Uber, einsammeln von E-Scootern, Verdienen von Geld durch das Ausfüllen von Umfragen am Computer oder am Smartphone: Es gibt scheinbar immer mehr Möglichkeiten, neben oder anstatt einer geregelten Lohnarbeit Geld zu verdienen. Solche, meist digital vermittelte, Nebenjobs scheinen etwas Neues zu sein, schliesslich sind sie eng verbunden mit technischen Errungenschaften der letzten Jahre.

Ein Blick auf die Entwicklungen der bezahlten Arbeit im Kapitalismus zeigt jedoch, dass zentrale Eigenschaften dieser Jobs keineswegs neu sind. Neu ist weder die Prekarität, noch das Verlangen nach ständiger Verfügbarkeit der Arbeitenden, noch die Forderung nach deren «Eigenverantwortung». Der Kapitalismus ist erfinderisch im Auspressen von Arbeitskräften und legt dabei eine grosse Kontinuität an den Tag.

Verteilte und vereinzelte Produktion

Schon seit dem Mittelalter wurde in Europa damit begonnen, die Produktion in Zwischenschritte zu zerlegen und an verschiedene Arbeitende zu verteilen. Davor war es üblich, dass (in Zünften organisierte) Handwerksbetriebe ein Produkt von A bis Z fertigten. Die neuen, verteilten Produktionen ermöglichten es, Produktionsschritte in Heimarbeit zu erledigen. Manche Familien verdienten sich durch solche Arbeiten ein Zubrot für karge Zeiten.

Sogenannte Verleger1 liessen Rohmaterialien oder Halbfabrikate von abhängigen ArbeiterInnen in Heimarbeit verarbeiten. Das Verlagswesen war zentral für die Entstehung des Industriekapitalismus, besonders in der schweizerischen Textil- und Uhrenindustrie. Dieses Arbeitsverhältnis machte ArbeiterInnen abhängig von Verlegern, die die zu verarbeitenden Materialien lieferten, die verarbeiteten Produkte abholten und für die Bezahlung verantwortlich waren.

In solchen verteilten Produktionssystemen gab es je nach Brache und Region grosse Unterschiede. In der Basler Seidenbandindustrie war beispielsweise die Kontrolle besonders eng. Die Produktionsmittel waren im Besitz der Fabrikanten. Sowohl die Rohmaterialien, die verarbeiteten Produkte als auch die Maschinen gehörten der auftraggebenden Firma und nicht den Arbeitenden selbst. Die Arbeit liess sich gut mit einer Tätigkeit in der Landwirtschaft kombinieren. Gerade im Baselbiet arbeiteten meist Frauen in der Textilindustrie, die wegen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung als weiblich galt, in Heimarbeit. Bauerntöchter mieteten sich gar in gewerblich ausgerichtete Kleinbauernhaushalte in der Landschaft ein, um für die Basler Seidenbandindustrie zu arbeiten. Dies trug dazu bei, dass es in der Basler Landschaft bis ins späte 19. Jahrhundert kaum eigene Industrie gab, die Leute arbeiteten in ihren eigenen Räumen der städtischen Seidenbandindustrie zu.

In der Region Zürich dagegen waren eher Kaufsysteme verbreitet. Selbständige ZwischenhändlerInnen kümmerten sich darin um den Ankauf, die Verteilung, das Einsammeln und den Weiterverkauf der Rohstoffe und Zwischenfabrikate. Die ArbeiterInnen arbeiteten in der Regel mit ihren eigenen Geräten, besassen also beispielsweise ein eigenes Spinnrad oder einen Webstuhl. Die Abhängigkeit von den Verlegern war zwar vorhanden, aber weniger absolut. Kaufleute in den Städten sicherten sich das Recht auf den Import von Rohmaterialien und den Export der fertigen Produkte. Ländliche Tüchlerinnen, meist waren es Frauen, nahmen Warenkredite bei solchen Kaufleuten an. Die Rohmaterialien gaben sie weiter an Heimweberinnen. Manche Tüchlerinnen beschäftigten Trager, die von ihnen abhängig waren und die Materialien transportierten.

Die Arbeit in der Produktion im eigenen Haushalt war, im Kontext der Frühindustrialisierung, beliebter als die Arbeit in den neu entstandenen Fabriken. Die Arbeitszeiten konnten flexibler eingeteilt werden, was eine gleichzeitige Tätigkeit in der Landwirtschaft ermöglichte. Arbeitszeiten waren überall enorm lang, die Arbeit überall schwer. FabrikarbeiterInnen hatten sich jedoch zusätzlich an Arbeitszeiten und Reglemente zu halten, in der Heimarbeit gab es das nicht. Ausserdem konnten allenfalls Rohmaterialien illegal auf eigene Rechnung weiterverkauft und damit der Lohn aufgebessert werden. Betreuungsaufgaben und Einkauf war dank flexibler Arbeitszeiten einfacher.

Flexibilität, Verfügbarkeit, Frust

Eben diese Flexibilität wird auch heute bei den App-vermittelten Tätigkeiten, der sogenannten «Gig-Economy», als besonders positiv herausgestrichen. Arbeitende erfüllen kleine, einzelne Aufträge. Der Begriff leitet sich von Gigs aus der Kulturbranche ab, wo für einzelne Auftritte bezahlt wird. Die Arbeitenden in diesem Wirtschaftszweig liefern Essen aus, sammeln E-Scooter ein oder fahren Uber-Taxi. Sie sind nicht Angestellte des Unternehmens, dessen App ihnen die Aufträge gibt, sondern gelten als Selbständige oder FreiberuflerInnen.

E-Scooter

In Schweizer Städten prägen seit letztem Jahr E-Scooter das Strassenbild. Die Tretroller können mit einer App benutzt und überall abgestellt werden. Ist der Akku leer, werden sie von «Juicern» oder «Rangers» eingesammelt, aufgeladen und wieder im öffentlichen Raum abgestellt. Diese ArbeiterInnen sind, ähnlich wie Uber-FahrerInnen, meist nicht direkt bei den jeweiligen Unternehmen angestellt. Sie arbeiten per App, müssen sich selbst um den Transport der E-Scooter und die damit verbundenen Kosten kümmern. Die Bedingungen unterscheiden sich dabei zwischen den verschiedenen Unternehmen, die in der Schweiz tätig sind. Anbieter tauchen auf und können auch schnell wieder verschwinden. Eine zuverlässige Verdienstmöglichkeit gibt es dort deshalb nicht. So beschreiben denn auch Arbeitende ihre Tätigkeit eher als Zusatzverdienst oder als bezahltes Hobby.

Essensauslieferung

Menschen auf Velos mit einer grossen, würfelförmigen Isolations-Box auf dem Rücken sind immer öfter auf den Strassen unserer Städte anzutreffen. Die Box ziert das Logo eines Lieferdienstes wie Uber Eats, Foodora oder Deliveroo. Deren Geschäftskonzept ist es, Restaurants oder Imbiss-Buden, die bisher keinen eigenen Lieferservice unterhielten, diesen Dienst anzubieten. Dazu heuern sie Leute an, die sich von der App zu den jeweiligen Restaurants schicken lassen, dort das Bestellte einpacken und damit zur hungrigen Kundschaft fahren.

Die Löhne sind auch hier nicht allzu rosig, zwar gibt es manchmal Trinkgeld, doch darauf können sich die FahrerInnen nicht verlassen. Sie müssen zudem ihr eigenes Arbeitsmaterial bringen, das heisst ein eigenes Velo und ein funktionierendes Smartphone. Geht eins dieser Arbeitsgeräte kaputt, ist die FahrerIn selbst für Reparatur oder Ersatz verantwortlich, die Dienste zahlen auch keine oder kaum Beiträge an Verschleissteile wie die Bremsen am Velo. Dazu kommt weitere nötige Ausrüstung wie wetterfeste Kleidung, die sich FahrerInnen mit dem miesen Lohn kaum leisten können.

Seit Mai 2019 gibt es einen GAV für Velokuriere. Der ist (noch) nicht allgemeinverbindlich. Trotzdem finden die Firmen, die den neuen GAV nicht einhalten, schnell Arbeitende. Die Flexibilität der Arbeitszeiten, der unkomplizierte Anstellungsprozess, der geringe Aufwand und die geringe verlangte Qualifikation sind für viele, oft junge, Arbeitende auf den ersten Blick attraktiv. Die Apps versprechen einen Zusatzverdienst, und dabei noch Velofahren, das scheint eigentlich ganz toll. Doch Arbeitende in diesem Bereich klagen über den miesen Lohn, über die kaum vorhandene Kommunikation zu den ArbeitskollegInnen und zur Chefetage. Die Fluktuation ist hoch. Wenige machen den Job über lange Zeit, und Vollzeit zu arbeiten schafft kaum jemand.

Untergrabene Errungenschaften

Egal ob es um das Einsammeln und Aufladen von E-Scootern, um Essensauslieferung oder um das Erfüllen von Aufträgen an einem digitalen Endgerät geht: die Firmen, die per App Scheinselbständige beschäftigen, umgehen Errungenschaften der ArbeiterInnenbewegung wie Arbeitszeitbeschränkung, gewerkschaftliche Organisierung oder Sozialversicherungen und untergraben sie.

In der Entwicklung des Kapitalismus kamen die Arbeitenden im Verlagssystem und in Fabriken aus ihrer Vereinzelung, organisierten sich und erkämpften gemeinsam Verbesserungen ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen. An Beispielen wie dem Velokurier-GAV sehen wir, dass mit Arbeitskämpfen auch heute der Vereinzelung begegnet werden kann.

1 Verleger waren oft Männer, gerade in der Region Zürich gab es aber oft Tüchlerinnen, die den Warenaustausch zwischen den Kaufmännern (Verlegern) in den Städten und den ländlichen ArbeiterInnen organisierten.

Aus: Aufbau 99

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