SchlagzeilenDie Medien sind voll mit Meldungen über die Corona-Pandemie. Viele Schlagzeilen offenbaren unfreiwillig den Klassencharakter der gegenwärtigen Krise. Eine etwas andere Medienschau.

(az) Nicht alle markanten Schlagzeilen besitzen den gleichen Informationsgehalt. Ob, wie der Blick verkündet, die „Kehllaute von Schweizern das Ansteckungsrisiko“ erhöhen, können wir nicht bewerten. Doch wenn das Wirtschaftsportal Finanzen.ch im Artikel über „Pandemie-Anleihen“ schreibt, dass diese „hohe Rendite“ bei „hohem Risiken“ mit sich bringen, dann charakterisieren diese Zeilen ungewollt den Umgang des Kapitalismus mit der Corona-Pandemie: Wo immer es in diesem System VerliererInnen gibt, wird sich auch jemand bereichern. Wer nun allerdings einsteigen will, ist zu spät. In Pandemie-Anleihen lässt sich nicht mehr investieren. Doch wer sein Geld rechtzeitig auf Katastrophenbond setzte, erhielt einen saftigen Gewinn.

„Ein Home wird zum Office, man muss es sich nur einrichten“

Es herrscht zwar gesundheitlicher Notstand, doch arbeiten soll man weiterhin. Wer dies nicht wie üblich im Büro machen muss, der oder die soll in den eigenen vier Wände verharren. Dafür hat der Tages-Anzeiger einen wichtigen Tipp: „Ziehst du morgens Jogginghosen an, stimmt die Einstellung nicht.“ Übersetzt heisst dies: Wage es ja nicht, zuhause eine geringere Produktivität an den Tag zu legen als sonst. Bereits drohte man uns, die Kapazitäten von Netflix und Youtube einzuschränken, damit die optimale Arbeits- und Netzwerkgeschwindigkeit zu jeder Stunde aufrecht erhalten bleibt.

Wie aber soll die Krise mit solchen Einschnitten eine „Chance für die Digitalisierung unseres Lebens" sein, wenn wir nicht in allen Lebensbereichen die volle Geschwindigkeit zur Verfügung haben? Die NZZ selbst versprach uns doch: „Die Welt liegt brach. Dank Disney können wir getrost zu Hause bleiben.“ Ja was denn nun? Arbeiten oder Videodienste? Beides! „Die menschliche Anpassungsfähigkeit wird die Kosten der Krise verringern“, weiss die NZZ. Für die eigenen vier Wände bedeutet dies, dass wir wie im Büro möglichst lange und flexibel arbeiten sollen, und uns spätabends dann dem bezahlten Unterhaltungsprogramm widmen dürfen. Irgendwie muss unser Lohn ja schliesslich auch in dieser Krise in den Markt fliessen.

Der inneffiziente Kapitalismus

Die ApologetInnen des Kapitalismus verteidigten ihr System oft damit, dass der Markt die optimale Produktivität und Verteilung sicherstelle. Wenn Menschen überteuerte Schutzmasken verkaufen und wenn Ärzte überteuerte Rechnungen für Corona-Tests ausstellen, könnte man wohlwollend noch behaupten, dass hier eine Marktlücke entdeckt wurde. Wenn hingegen, wie der SRF berichtet, das Basler Privatspital Bethesda „Kurzarbeit“ beantragt hat, weil es in der gegenwärtigen Krise nicht genügend Arbeit besitzt, dann müsste auch den letzten FreundInnen des Kapitalismus auffallen, dass hier irgendwas nicht stimmt. Enteignung wäre in diesem Falle die einfachere und sinnvollere Lösung.

Die Bourgeoisie wird einwenden, dass das System doch selbst hier seine positiven Aspekte zeigt. Amazon will gemäss Wall Street Journal 100'000 Menschen anstellen, um die Nachfrage zu bewältigen. Beim Schweizer Anbieter Galaxus sind es dann immerhin noch 200 neue Stellen, die den „Dauerstress“ bewältigen wollen. Gestresst sind allerdings nicht, wie uns die Schlagzeile von Watson weissmachen will, die Firmen, sondern die Mitarbeitenden, die Überstunden leisten wollen – ohne 2 Meter Abstand versteht sich. Die Arbeitenden sind es auch, die die Krise bezahlen sollen. Die NZZ kündigt schon jetzt ihre Forderung an: „Ein Lohnopfer für Mitarbeiter der öffentlichen Hand wäre ein Akt der Solidarität mit der gebeutelten Wirtschaft.“ Solidarisch wäre es auch, wenn die NZZ die gegenwärtige Krise nicht überleben würde.

Der Wunsch nach dem autoritären Staat

Was in Deutschland und Südkorea schon als Massnahme eingeführt wurde, droht auch der Schweiz: „Schweizer Behörden prüfen digitale Überwachung“ berichtete der Tagesanzeiger. Im Namen der allgemeinen Gesundheit scheint gegenwärtig alles erlaubt. Und hier will auch die vereinigte WutbürgerInnenschaft ihren Beitrag leisten. In Zürich meldeten sich gemäss 20 Minuten zwischen Freitag und Sonntag 140 Personen bei den Bullen, um meist jugendliche Gruppen zu denunzieren. Die aktuelle Notlage will, dass man zwar gemeinsam arbeiten darf, aber seine Freizeit möglichst isoliert verbringen muss. Dumm nur, dass selbst die Bullen zugeben mussten, welch kollektives Repressions-Phantasma sich hier auftut: „Oft hatten sich diese bis zum Eintreffen der Polizei bereits aufgelöst, oder die angetroffene Situation entsprach nicht der Eingangsmeldung, heisst es in einer Mitteilung.“

Der Blick ins Zentrum der Macht

Wir sagen, dass die gegenwärtige Krise einen Klassencharakter besitzt. Eine Soziologin im Tages-Anzeiger hingegen meint, dass uns der Virus "gleicher" mache. Zwei Aussagen, eine Wahrheit. Zum Glück beliefern uns die amerikanischen Medien täglich mit Anschauungsmaterial, die die Klärung der Frage erleichtert. In New York beispielsweise fordert die Bourgeoisie, dass „Quarantäne-Vorräte per Hubschrauber in die Hamptons geliefert werden.“ Die Hamptons sind, wie wir spätestens seit Great Gatsby und Royal Pains wissen, der Wohnort der Superreichen. Hier wird man nicht mit anderen Problemen konfrontiert, die proletarische AmerikanInnen gegenwärtig treffen. Beispielsweise die horrenden Gesundheitskosten: Einer Frau wurden „34,927.43 Dollar“ für ihre Behandlung in Rechnung gestellt. Andernorts fehlt auch den Spitälern das Geld. Zwar wären mehr Beatmungsgeräte verfügbar, allerdings „können Spitäler sie sich nicht leisten“. Wenn der Markt alles regelt, dann organisiert er gegenwärtig vor allem den Tod. 

Die Abgründe öffnen sich

Die Krise verschärft die Widersprüche und macht sie sichtbar. Man kann allerdings auch feststellen, dass gegenwärtig dumm noch dümmer und reaktionär noch reaktionärer wird. Bei der Weltwoche beispielsweise prangert Christoph Mörgeli die „Virenschleuder“ Verkehr an und will, dass künftig alle ihr eigenes Auto benutzen. Ein Churer Weihbischof behauptet, dass „Gott“ uns vor dem Virus beschütze. Und Trump hatte zum „Nationalen Tag der Gebete“ aufgerufen. Ob die beiden bewusst unterschlugen, dass christliche Freikirchen in den letzten Wochen die tatsächlichen Virenschleudern waren?

Es ist ein schwacher Trost, dass man sich über die christlichen Heilsvisionen lustig machen kann. Bei anderen Abgründen verschlägt es einem dann vielmehr die Sprache über die Barbarei dieses Systems: Der Vizegouverneur von Texas verkündete, dass Grosseltern bereit seien, „für ihre Enkel zu sterben", damit die Wirtschaft nicht stillsteht, und mitten in der grössten Gesundheitskrise der vergangenen Jahrzehnte haben die USA beschlossen, die Sanktionen gegen den Iran zu verschärfen.

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